Junge Liebe
1844Über dem Brünnlein nicket der Zweig, Waldvögel zwitschern und flöten, Wild Anemon′ und Schlehdorn bleich Im Abendstrahle sich röten, Und ein Mädchen mit blondem Haar Beugt über der glitzernden Welle, Schlankes Mädchen, kaum fünfzehn Jahr, Mit dem Auge der scheuen Gazelle.
Ringelblumen blättert sie ab: “Liebt er, liebt er mich nimmer?” Und wenn “liebt” das Orakel gab, Um ihr Antlitz gleitet ein Schimmer: “Liebt er nicht” - o Grimm und Graus! Daß der Himmel den Blüten gnade! Gras und Blumen, den ganzen Strauß, Wirft sie zürnend in die Kaskade.
Gleitet dann in die Kräuter lind, Ihr Auge wird ernst und sinnend; Frommer Eltern heftiges Kind, Nur Minne nehmend und minnend, Kannte sie nie ein anderes Band Als des Blutes, die schüchterne Hinde; Und nun einer, der nicht verwandt - Ist das nicht eine schwere Sünde?
Mutlos seufzet sie niederwärts, In argem Schämen und Grämen, Will zuletzt ihr verstocktes Herz Recht ernstlich in Frage nehmen. Abenteuer sinnet sie aus: Wenn das Haus nun stände in Flammen, Und um Hülfe riefen heraus Der Karl und die Mutter zusammen?
Plötzlich ein Perlenregen dicht Stürzt ihr glänzend aus beiden Augen, In die Kräuter gedrückt ihr Gesicht, Wie das Blut der Erde zu saugen, Ruft sie schluchzend: “Ja, ja, ja!” Ihre kleinen Hände sich ringen, “Retten, retten würd′ ich Mama, Und zum Karl in die Flamme springen!”
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Interpretation
Das Gedicht "Junge Liebe" von Annette von Droste-Hülshoff erzählt von einem jungen Mädchen, das zum ersten Mal die Gefühle der Liebe erlebt. In einer idyllischen Naturkulisse, beschrieben durch blühende Blumen und zwitschernde Vögel, sitzt das Mädchen am Brunnen und versucht durch das Abzupfen von Ringelblumenblättern herauszufinden, ob ihr Liebster sie erwidert. Die Natur dient als Spiegel ihrer inneren Gefühle und der Unschuld ihrer Liebe. Das Mädchen, kaum fünfzehn Jahre alt und beschrieben als "scheue Gazelle", ist tief verunsichert und emotional hin- und hergerissen. Ihre fromme Erziehung und die enge Bindung an ihre Eltern stehen im Konflikt mit den neuen, unbekannten Gefühlen, die sie für jemanden empfindet, der nicht zur Familie gehört. Dieser innere Konflikt wird deutlich, als sie sich fragt, ob ihre Liebe eine "schwere Sünde" sei, da sie außerhalb der Familie und des Blutes stattfindet. In einem emotionalen Höhepunkt des Gedichts stellt sich das Mädchen eine dramatische Situation vor, in der sie zwischen der Rettung ihrer Mutter und ihrem Liebsten wählen müsste. Diese Fantasie führt zu einem Ausbruch von Tränen und einer klaren Erkenntnis ihrer Gefühle. Sie erkennt, dass sie bereit wäre, für beide zu sterben, was ihre tiefe Liebe und Hingabe symbolisiert. Das Gedicht endet mit der Bestätigung ihrer Gefühle und der Bereitschaft, alles für die Liebe zu opfern, was die Intensität und Reinheit ihrer jungen Liebe unterstreicht.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Größer Grimm und Graus
- Anapher
- Liebt er, liebt er mich nimmer?
- Bildsprache
- Plötzlich ein Perlenregen dicht Stürzt ihr glänzend aus beiden Augen
- Hyperbel
- Und nun einer, der nicht verwandt - Ist das nicht eine schwere Sünde?
- Metapher
- Ringelblumen blättert sie ab
- Personifikation
- Über dem Brünnlein nicket der Zweig
- Rhetorische Frage
- Wenn das Haus nun stände in Flammen, Und um Hülfe riefen heraus Der Karl und die Mutter zusammen?
- Vergleich
- Mit dem Auge der scheuen Gazelle