Julinacht
1870Die Mondeslichter rinnen Aus sterndurchsprengtem Raum Zur regungslosen Erde, Die müde atmet kaum.
Wie schlummertrunken schweigen Die Linden rund umher, Des Rauschens müde, neigen Herab sie blütenschwer.
Nur manchmal, traumhaft leise, Rauscht auf der Wipfel Lied, Wenn schaurig durchs Geäste Ein kühler Nachthauch zieht.
Mein Herz ist ruh-umfangen, Ist weltvergessen still, Kein Sehnen und Verlangen Die Brust bewegen will.
Nur manchmal, traumhaft leise, Durchzieht der alte Schmerz, Wie Nachtwind durchs Geäste, Das müdgeliebte Herz.
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Interpretation
Das Gedicht "Julinacht" von Felix Dörmann schildert eine ruhige, fast traumhafte Sommernacht. Die Stimmung ist von tiefer Stille und Schwermut geprägt. Die Natur scheint in einen tiefen Schlaf versunken, während der Mond seine Lichter zur regungslosen Erde sendet. Die Linden sind müde und schweigen, nur manchmal ertönt ein leises Rauschen, wenn ein kühler Nachtwind durch die Wipfel streicht. Diese Stille und Ruhe spiegelt sich auch im Gemüt des lyrischen Ichs wider, dessen Herz von einer friedvollen, weltvergessenen Stille umfangen ist. Die zweite Strophe verstärkt die Atmosphäre der Stille und des Schlafs. Die Linden sind "schlummertrunken" und neigen ihre blütenschweren Zweige zur Erde. Sie sind des Rauschens müde und schweigen umher. Nur manchmal, in traumhafter Leise, ertönt ein Rauschen der Wipfel, wenn ein kühler Nachtwind durch das Geäst streicht. Diese Stille und Ruhe wird als beinahe bedrückend empfunden. Das lyrische Ich selbst ist von dieser Stille und Ruhe tief ergriffen. Sein Herz ist "ruh-umfangen" und "weltvergessen still". Es gibt kein Sehnen und Verlangen mehr, das die Brust bewegen könnte. Doch selbst in dieser friedvollen Stimmung schwingt eine leise Melancholie mit. Manchmal durchzieht der "alte Schmerz" wie der Nachtwind das müdgeliebte Herz. Die Julinacht ist somit nicht nur eine Nacht der Stille und des Friedens, sondern auch eine Nacht der stillen Wehmut und des Nachsinnens über vergangene Schmerzen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- [sterndurchsprengtem Raum rauscht auf der Wipfel Lied traumhaft leise]
- Hyperbel
- [blütenschwer]
- Metapher
- [Die Mondeslichter rinnen Mein Herz ist ruh-umfangen]
- Personifikation
- [Die Mondeslichter rinnen Die Linden rund umher Kein Sehnen und Verlangen Die Brust bewegen will]
- Vergleich
- [Wie schlummertrunken schweigen Wie Nachtwind durchs Geäste]
- Wiederholung
- [Nur manchmal, traumhaft leise]