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Jugendthal

Von

Da bist du ja im Morgenstrahl,
Mein nie vergeßnes Jugendthal!
Der Berge Kranz, die wunderblaue Quelle,
Städtchen und Kloster, Alles ist zur Stelle.

Noch immer steigt, gezackt und wild,
Empor seltsames Felsgebild,
Burgtrümmer schauen über Höhlenschlünde
Auf stillen Fluß und zarte Wiesengründe.

So oft hab‘ ich geträumt von dir:
Fast, liebes Thal, erschienst du mir
Als Traum, als Märchen, alte, alte Sage
Vom Morgenland, vom jungen Erdentage.

Hier kennt mich keine Seele mehr,
Fremd seh’n die Leute nach mir her,
Doch bring‘ ich mit, was Einsamkeit versüßet:
Ein Völkchen, das mich kennt und das mich grüßet.

Laut reget sich ein Knabenschwarm,
Zu Zweien manche, Arm in Arm,
Mit hellem Aug‘ und rosenrothen Wangen
Dort aus dem Kloster kommen sie gegangen.

O Duft, o Kelch der Blüthezeit!
Der Jugend süße Trunkenheit!
Die Liebe weint, der holde Muthwill sprühet,
Die Seele singt, der goldne Himmel glühet.

Wo sind sie hin? Zersprengt, verweht,
Wie Gras des Feldes hingemäht!
Nur wenige Greise sind noch übrig blieben,
Zu zählen, wer noch lebt von all‘ den Lieben.

Du dort in der gedrängten Schaar,
Du mit dem weichen Lockenhaar,
Dich kenn‘ ich näher, munterer Geselle,
Ja, du bist ich auf meiner Jugend Schwelle.

Wie lachte ich das Leben an!
Wie sprang ich jauchzend in die Bahn!
Wie arglos wohnte neben wilden Scherzen
Gesunder Ernst im frischen, schlichten Herzen!

Fern leuchtet Rom und Griechenland
Durch die getheilte Nebelwand,
Von Plato’s Silberfittigen gehoben
Schwebt fromm und stolz der junge Geist nach oben.

Wie Licht so hell, wie Schnee so rein,
Gelobt‘ ich, soll mein Leben sein!
Was wußt‘ ich von des Weltgangs irren Pfaden!
Da bin ich nun, und bin so schuldbeladen.

Nicht, daß es bleiern mich beschwert,
Ich kenne meines Lebens Werth,
Ich weiß, wie ich gestrebet und gerungen
Und was der sauren Arbeit ist gelungen.

Doch heute, wo heraus zum Wald
Das alte Klosterglöckchen schallt,
Heut, wo ich aus so ungetheilter Nähe
Dem frohen Knaben in die Augen sehe,

Der ich einst war, der so vertraut,
So schuldlos mir entgegenschaut,
Heut weiß ich nichts von meinem Tagewerke,
Hin thaut der Stolz, es beuget sich die Stärke.

Zur Felsenhöhle wandl‘ ich hin –
Vor Zeiten träumt‘ ich oft darin –:
Laß, alt Gestein, mich heut in meinen Thränen
Ganz still an deine graue Wand mich lehnen.

Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Gedicht: Jugendthal von Friedrich Theodor Vischer

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Jugendthal“ von Friedrich Theodor Vischer ist eine melancholische Rückschau auf die verlorene Jugend, eingebettet in die Beschreibung einer Landschaft, die als Metapher für diese vergangene Zeit dient. Der Dichter kehrt an den Ort seiner Jugend zurück, ein Tal, das von Bergen umrahmt wird, und ruft Erinnerungen wach, die von Freude, Unschuld und dem ungestümen Aufbruch ins Leben geprägt sind.

Die ersten Strophen beschreiben die Idylle des Jugendtals, die Natur mit ihrem „wunderblauen“ Quellwasser, den „Burgtrümmern“ und „zarten Wiesengründen“. Dieses Idyll dient als Kulisse für die Erinnerungen des Dichters. Die Begegnung mit den Knaben, die aus dem Kloster kommen, symbolisiert die verlorene Jugend und die Unbeschwertheit, die der Dichter selbst einst besaß. Der Duft der Jugend, die „süße Trunkenheit“ und die Liebe werden als höchste Güter dieser Zeit gefeiert. Doch diese glorreiche Vergangenheit wird durch die Realität des Alters und der Vergänglichkeit überschattet.

In der zweiten Hälfte des Gedichts wird die Melancholie spürbarer. Der Dichter stellt fest, dass die Jugend vergangen ist und dass die einstigen Gefährten „zersprengt, verweht“ sind. Die Erinnerung an die eigene Jugend, symbolisiert durch den Anblick eines jungen Knaben, löst ein Gefühl der Trauer und der Selbsterkenntnis aus. Der Dichter reflektiert seine früheren Ideale, seine Begeisterung und seine „frischen, schlichten Herzen“. Die Verheißung eines „hellen“ und „reinen“ Lebens wird durch die Erkenntnis der „schuldbeladenen“ Gegenwart kontrastiert.

Die letzten Strophen sind von tiefer Melancholie und Akzeptanz geprägt. Der Dichter erkennt den Wert seines Lebens, trotz aller Mühen und Enttäuschungen. Doch die Rückkehr zum Jugendtal und die Konfrontation mit der eigenen Vergangenheit führen zu einer tiefen Demut. Der Dichter sucht die Einsamkeit in einer Felsenhöhle, einem Ort der Kontemplation, und überlässt sich seinen Tränen. Das Gedicht endet mit der Kapitulation vor der Vergänglichkeit und der Akzeptanz des Alters, während die Erinnerung an die Jugend in der Landschaft weiterlebt.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.