Jüngst sah ich den Wind

Arno Holz

1898

Jüngst sah ich den Wind, das himmlische Kind, als ich träumend im Walde gelegen, und hinter ihm schritt mit trippelndem Tritt sein Bruder, der Sommerregen.

In den Wipfeln da ging′s nach rechts und nach links, als wiegte der Wind sich im Bettchen; und sein Brüderchen sang: »Die Binke, die Bank,« und schlüpfte von Blättchen zu Blättchen.

Weiß selbst nicht, wie′s kam, gar zu wundersam es regnete, tropfte und rauschte, daß ich selber ein Kind, wie Regen und Wind, das Spielen der beiden belauschte.

Dann wurde es Nacht, und eh ich′s gedacht, waren fort, die das Märchen mir schufen. Ihr Mütterlein hatte sie fein hinauf in den Himmel gerufen.

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Illustration zu Jüngst sah ich den Wind

Interpretation

Das Gedicht "Jüngst sah ich den Wind" von Arno Holz erzählt von einer traumhaften Begegnung mit den Elementen Wind und Sommerregen, die als himmlische Kinder personifiziert werden. Der Erzähler liegt träumend im Wald und beobachtet, wie der Wind und der Sommerregen, seine Brüder, spielerisch durch die Baumwipfel ziehen. Der Wind wiegt sich wie ein Kind im Bettchen, während der Sommerregen von Blatt zu Blatt hüpft und singt. Die Szene wird als wundersam und fast märchenhaft beschrieben, wobei der Erzähler selbst zum Kind wird und das Spiel der beiden Elemente belauscht. Die Natur wird lebendig und voller kindlicher Energie dargestellt, was eine Atmosphäre der Unschuld und des Staunens schafft. Der Erzähler ist fasziniert von diesem natürlichen Schauspiel und versinkt in eine Art kindlicher Verzauberung. Am Ende des Gedichts bricht die Traumwelt zusammen, als die Nacht hereinbricht und die "Mütterlein" die himmlischen Kinder in den Himmel ruft. Die spielerische Szene endet abrupt, und der Erzähler erwacht aus seinem Traum. Dieses Ende unterstreicht die flüchtige und vergängliche Natur der kindlichen Wunderwelt, die nur im Traum existiert und am Ende des Gedichts in die Realität zurückkehrt.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

Wortwolke zu Jüngst sah ich den Wind

Stilmittel

Alliteration
regnete, tropfte und rauschte
Enjambement
daß ich selber ein Kind, wie Regen und Wind, das Spielen der beiden belauschte
Metapher
sein Bruder, der Sommerregen
Personifikation
sein Brüderchen sang