Jüngling und Mädchen
1823Noch einmal, Liebe, komm in meine Arme; Mich ruft das stolze Vaterland zum Streit; Hinüber mit dem wilden Brüderschwarme! Wir alle, Mädchen, sind dem Tod geweiht! Laß ab von deinem Weinen, deinem Harme, Den liebend dir dein weiches Herz gebeut: Nur aus des Geistes altem Riesenstreben Steigt siegend auf ein heilig junges Leben.
Ach! tobend stürzt der Mann sich ins Getümmel: Ihn wogt dahin die sturmbewegte Fluth; Doch einsam fühlt das Weib nur ihren Himmel: Im Herzen still bewahrt sie ihre Gluth Dich stürzt der wilde Sinn ins Kampfgetümmel, Zum Schlachtendrang dein kühner Feuermuth! Doch, einsam in den alten, öden Mauern Muß bang um dich die stille Jungfrau trauern.
Wie schwarz die Wolke von Gebirgesfirnen Herunterstürzt mit ihrem Nebelgrau′n, Und leuchtend dann die alten Riesenstirnen Im jungen Morgenlicht zum Aether schau′n, Und wie gebändigte Giganten, zürnen Die Wolken, unten auf der Thäler Au′n; So folgt dem Kampf die neue Siegesfeyer, Und alles schau′n wir heiterer und freyer!
Doch eh′ am Morgen auf dem Wiesengrunde Die junge Sonne quillend niederblickt, Hat kalt und schaurig schon zur Nebelstunde Der Wind den zarten Blumenkelch geknickt. Dein Busen krankt an einer Todeswunde, Die Braut hält dich an ihre Brust gedrückt: Im letzten Kusse deckt sie deine Wangen Mit ihrer Liebe heißem Gluthverlangen.
Wie aus der Höh′, gleich tosenden Gewittern Die Schneelawine donnernd niederwallt, Und Steingeklüfte, Felsenrippen zittern, Und Berg und Wiese dröhnend wiederhallt; Und hundertjähr′ge Eichenkronen splittern, Und alles weicht der stürmenden Gewalt, So wird der Feind vor unserm Sturm sich neigen, Und bebend seine stolzen Häupter beugen.
Ach! schöner wär′s, wenn wir am Ufer wallten; An deinem Arm die weiche junge Braut! Wann um der blassen Berge Glanzgestalten Das weiße, milde Mondlicht niederthaut, Und zarte Bilder sich dem Aug′ entfalten, Das weinend in die bleiche Ferne schaut, Da stillte wieder sich dein wildes Sehnen, Und ach! auch deines Mädchens heiße Thränen!
Leb′ wohl! es läßt der gnäd′ge Gott uns siegen! Leb′ wohl; zum Kampfe fordert mich die Pflicht! Leb′ wohl; du Blasse! Liebe wird nicht trügen, Aus Trümmern steigt der Freyheit Siegeslicht.
Ach! lebe wohl! die Ahnung wird nicht lügen, Die leise wogend aus dem Busen spricht! Dein Mädchen giebt dir diesen Kuß zur Weihe, Nimm ihn zum keuschen Siegel ihrer Treue!
Und wie die Morgensonne aus den Wellen In reiner Schöne hoch empor sich hebt, Und Licht und Fülle ströhmt aus tausend Quellen, Und alles jung am Kuß der Mutter webt; So wird der Friede segnend niederquellen, Vom Morgenhauch des ew′gen Licht′s durchbebt, Und tief und heilig, wie zwey Opferflammen, Schlingt Lieb′ und Stärke wieder sich zusammen.
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Interpretation
Das Gedicht "Jüngling und Mädchen" von Wilhelm Friedrich Waiblinger thematisiert den Konflikt zwischen der Pflicht des Mannes zum Krieg und der Liebe der Frau. Der Jüngling wird vom Vaterland zum Kampf gerufen, während das Mädchen um seine Abreise trauert. Die Verse verdeutlichen die Dualität von Kampf und Liebe, von Tod und Leben, und wie diese Kräfte in der menschlichen Erfahrung miteinander verwoben sind. Die Bildsprache des Gedichts ist kraftvoll und symbolisch. Naturmetaphern wie der Sturm, die Wolken und die Lawine werden verwendet, um die Intensität des Krieges und die damit verbundenen Emotionen zu beschreiben. Die letzte Umarmung zwischen dem Jüngling und dem Mädchen wird als Moment der intensiven, fast sakralen Liebe dargestellt, die selbst im Angesicht des Todes besteht. Der Abschied wird als ein Übergang zu einem höheren, fast mystischen Zustand der Einheit von Liebe und Stärke beschrieben. Abschließend bietet das Gedicht eine Vision von Frieden und Versöhnung. Die Morgensonne als Symbol für Hoffnung und Erneuerung deutet darauf hin, dass nach dem Krieg eine Zeit des Friedens kommen wird, in der Liebe und Stärke wieder vereint sind. Die letzte Strophe beschwört eine Zukunft, in der die Opfer des Krieges durch den Frieden und die Einheit der Liebenden gerechtfertigt werden, und suggeriert eine Art zyklische Natur von Konflikt und Harmonie.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Die leise wogend aus dem Busen spricht
- Apostrophe
- Ach! schöner wär's, wenn wir am Ufer wallten
- Bildsprache
- Und wie die Morgensonne aus den Wellen / In reiner Schöne hoch empor sich hebt
- Hyperbel
- Und hundertjähr'ge Eichenkronen splittern
- Kontrast
- Doch eh' am Morgen auf dem Wiesengrunde / Die junge Sonne quillend niederblickt
- Metapher
- Die Braut hält dich an ihre Brust gedrückt
- Personifikation
- Doch einsam fühlt das Weib nur ihren Himmel
- Symbolik
- Die Schneelawine donnernd niederwallt
- Vergleich
- Wie aus der Höh', gleich tosenden Gewittern
- Wiederholung
- Leb' wohl! es läßt der gnäd'ge Gott uns siegen! / Leb' wohl; zum Kampfe fordert mich die Pflicht!