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Jüngling und Mädchen

Von

Noch einmal, Liebe, komm in meine Arme;
Mich ruft das stolze Vaterland zum Streit;
Hinüber mit dem wilden Brüderschwarme!
Wir alle, Mädchen, sind dem Tod geweiht!
Laß ab von deinem Weinen, deinem Harme,
Den liebend dir dein weiches Herz gebeut:
Nur aus des Geistes altem Riesenstreben
Steigt siegend auf ein heilig junges Leben.

Ach! tobend stürzt der Mann sich ins Getümmel:
Ihn wogt dahin die sturmbewegte Fluth;
Doch einsam fühlt das Weib nur ihren Himmel:
Im Herzen still bewahrt sie ihre Gluth
Dich stürzt der wilde Sinn ins Kampfgetümmel,
Zum Schlachtendrang dein kühner Feuermuth!
Doch, einsam in den alten, öden Mauern
Muß bang um dich die stille Jungfrau trauern.

Wie schwarz die Wolke von Gebirgesfirnen
Herunterstürzt mit ihrem Nebelgrau′n,
Und leuchtend dann die alten Riesenstirnen
Im jungen Morgenlicht zum Aether schau′n,
Und wie gebändigte Giganten, zürnen
Die Wolken, unten auf der Thäler Au′n;
So folgt dem Kampf die neue Siegesfeyer,
Und alles schau′n wir heiterer und freyer!

Doch eh′ am Morgen auf dem Wiesengrunde
Die junge Sonne quillend niederblickt,
Hat kalt und schaurig schon zur Nebelstunde
Der Wind den zarten Blumenkelch geknickt.
Dein Busen krankt an einer Todeswunde,
Die Braut hält dich an ihre Brust gedrückt:
Im letzten Kusse deckt sie deine Wangen
Mit ihrer Liebe heißem Gluthverlangen.

Wie aus der Höh′, gleich tosenden Gewittern
Die Schneelawine donnernd niederwallt,
Und Steingeklüfte, Felsenrippen zittern,
Und Berg und Wiese dröhnend wiederhallt;
Und hundertjähr′ge Eichenkronen splittern,
Und alles weicht der stürmenden Gewalt,
So wird der Feind vor unserm Sturm sich neigen,
Und bebend seine stolzen Häupter beugen.

Ach! schöner wär′s, wenn wir am Ufer wallten;
An deinem Arm die weiche junge Braut!
Wann um der blassen Berge Glanzgestalten
Das weiße, milde Mondlicht niederthaut,
Und zarte Bilder sich dem Aug′ entfalten,
Das weinend in die bleiche Ferne schaut,
Da stillte wieder sich dein wildes Sehnen,
Und ach! auch deines Mädchens heiße Thränen!

Leb′ wohl! es läßt der gnäd′ge Gott uns siegen!
Leb′ wohl; zum Kampfe fordert mich die Pflicht!
Leb′ wohl; du Blasse! Liebe wird nicht trügen,
Aus Trümmern steigt der Freyheit Siegeslicht.

Ach! lebe wohl! die Ahnung wird nicht lügen,
Die leise wogend aus dem Busen spricht!
Dein Mädchen giebt dir diesen Kuß zur Weihe,
Nimm ihn zum keuschen Siegel ihrer Treue!

Und wie die Morgensonne aus den Wellen
In reiner Schöne hoch empor sich hebt,
Und Licht und Fülle ströhmt aus tausend Quellen,
Und alles jung am Kuß der Mutter webt;
So wird der Friede segnend niederquellen,
Vom Morgenhauch des ew′gen Licht′s durchbebt,
Und tief und heilig, wie zwey Opferflammen,
Schlingt Lieb′ und Stärke wieder sich zusammen.

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Gedicht: Jüngling und Mädchen von Wilhelm Friedrich Waiblinger

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Jüngling und Mädchen“ von Wilhelm Friedrich Waiblinger ist ein ergreifender Abschiedsdialog, der von der Trennung zweier Liebenden vor dem Hintergrund eines Krieges handelt. Es verbindet Elemente der romantischen Sehnsucht mit den drastischen Realitäten des militärischen Konflikts und der damit verbundenen Todesgefahr. Der Jüngling, getrieben vom Ruf des Vaterlandes, muss in den Krieg ziehen, während das Mädchen zurückbleibt und der Ungewissheit entgegensieht.

Das Gedicht ist in Strophen von je acht Versen unterteilt, wobei sich der Jüngling und das Mädchen abwechselnd äußern. Die Struktur spiegelt die geteilte Gefühlswelt wider, die von Abschiedsschmerz, Todesangst und der Hoffnung auf ein Wiedersehen geprägt ist. Der Jüngling beschwört die Liebe und den Kampfesmut, während das Mädchen ihre Sorge und ihre Liebe zum Ausdruck bringt. Naturbilder, wie die Wolken, der Morgen, der Wind, die Schneelawine und die Sonne, werden verwendet, um die Emotionen der Protagonisten zu verstärken und die Schönheit des Lebens kontrastreich der Brutalität des Krieges gegenüberzustellen.

Die zentrale Thematik des Gedichts ist die Zerrissenheit zwischen Liebe und Pflicht, Leben und Tod. Der Jüngling sehnt sich nach der Schlacht, sieht aber auch die Gefahren und den möglichen Verlust des Lebens. Das Mädchen hingegen fürchtet den Tod und die Trennung, klammert sich aber an die Hoffnung auf ein Wiedersehen und die Errichtung einer friedlichen Zukunft. Die Verwendung von Metaphern wie „Todeswunde“ und „Sturm“ unterstreicht die Brutalität des Krieges und die damit verbundene Gefahr für die Liebenden. Die letzte Strophe, in der die Hoffnung auf Frieden und ein Wiedersehen ausgedrückt wird, bietet einen Hoffnungsschimmer, der die Tragik des Abschieds mildert.

Waiblingers Sprache ist gefühlvoll und pathetisch, typisch für die Romantik. Die Verwendung von rhetorischen Fragen, Ausrufen und Bildern der Natur verstärkt die emotionale Wirkung des Gedichts. Die Liebeserklärung des Mädchens in den letzten Versen, zusammen mit dem Kuss, der als „Siegel ihrer Treue“ dient, verdeutlicht die tiefe Verbundenheit der Liebenden und die Stärke ihrer Liebe, die über den Tod hinausreicht. Das Gedicht ist somit eine ergreifende Reflexion über die menschliche Erfahrung von Liebe, Verlust, Krieg und Hoffnung, die auch heute noch Gültigkeit besitzt.

Weitere Informationen

Hier finden sich noch weitere Informationen zu diesem Gedicht und der Seite.

Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.