Josuas Landtag

Rainer Maria Rilke

1875

So wie der Strom am Ausgang seine Dämme durchbricht mit seiner Mündung Übermaß, so brach nun durch die Ältesten der Stämme zum letztenmal die Stimme Josuas.

Wie waren die geschlagen, welche lachten, wie hielten alle Herz und Hände an, als hübe sich der Lärm von dreißig Schlachten in einem Mund; und dieser Mund begann.

Und wieder waren Tausende voll Staunen wie an dem großen Tag vor Jericho, nun aber waren in ihm die Posaunen, und ihres Lebens Mauern schwankten so,

daß sie sich wälzten, von Entsetzen trächtig und wehrlos schon und überwältigt, eh sie′s noch gedachten, wie er eigenmächtig zu Gibeon die Sonne anschrie: Steh!

Und Gott ging hin, erschrocken wie ein Knecht, und hielt die Sonne, bis ihm seine Hände wehtaten, ob dem schlachtenden Geschlecht, nur weil da einer wollte, daß sie stände.

Und das war dieser; dieser Alte wars, von dem sie meinten, daß er nicht mehr gelte inmitten seines hundertzehnten Jahrs. Da stand er auf und brach in ihre Zelte.

Er ging wie Hagel nieder über Halmen. Was wollt ihr Gott versprechen? Ungezählt stehn um euch Götter, wartend, daß ihr wählt. Doch wenn ihr wählt, wird euch der HErr zermalmen.

Und dann, mit einem Hochmut ohnegleichen: Ich und mein Haus, wir bleiben ihm vermählt.

Da schrien sie alle: Hilf uns, gib ein Zeichen und stärke uns zu unsrer schweren Wahl.

Aber sie sahn ihn, wie seit Jahren schweigend, zu seiner festen Stadt am Berge steigend; und dann nicht mehr. Es war das letzte Mal.

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Illustration zu Josuas Landtag

Interpretation

Das Gedicht "Josuas Landtag" von Rainer Maria Rilke beschreibt die letzte große Rede Josuas, in der er die Stämme Israels zur Treue gegenüber dem Herrn aufruft. Josua wird als eine mächtige, fast übermenschliche Figur dargestellt, deren Stimme die Kraft von dreißig Schlachten in sich vereint. Die Rede ist ein Wendepunkt, an dem Josua die Menschen auffordert, sich bewusst für ihren Gott zu entscheiden, da viele andere Götter um sie herum lauern. Er warnt, dass die Wahl des Herrn mit Zermalmen verbunden sein wird, doch er selbst bleibt dem Herrn treu. Die Menschen bitten um ein Zeichen und Stärkung, doch Josua zieht sich zurück und wird nicht mehr gesehen, was das Ende einer Ära symbolisiert. Das Gedicht zeichnet ein Bild von Josua als einem charismatischen Führer, der seine Leute mit seiner Rede zu begeistern und zu bewegen vermag. Die Metapher des Stroms, der seine Dämme durchbricht, verdeutlicht die überwältigende Kraft seiner Worte. Die Erinnerung an die Eroberung Jerichos und die wundersame Geschichte von der stillstehenden Sonne bei Gibeon unterstreichen Josuas enge Verbindung zu Gott und seine Fähigkeit, Wunder zu wirken. Das Gedicht betont die Wichtigkeit der bewussten Entscheidung für den eigenen Glauben und die Konsequenzen, die eine solche Wahl mit sich bringen kann. Das Ende des Gedichts, in dem Josua sich zurückzieht und nicht mehr gesehen wird, symbolisiert das Ende einer Ära und den Übergang zu einer neuen Zeit. Die Menschen bleiben mit der schweren Wahl zurück, die Josua ihnen aufgegeben hat, und müssen nun ohne seine direkte Führung ihren Glauben leben. Das Gedicht vermittelt die Idee, dass wahrer Glaube eine bewusste Entscheidung erfordert und dass die Konsequenzen einer solchen Entscheidung nicht immer einfach sind. Es ist eine Aufforderung, sich für den eigenen Glauben einzusetzen, auch wenn dies mit Schwierigkeiten verbunden sein mag.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Anapher
Er ging wie Hagel nieder über Halmen. Was wollt ihr Gott versprechen?
Hyperbel
als hübe sich der Lärm von dreißig Schlachten in einem Mund
Metapher
Ich und mein Haus, wir bleiben ihm vermählt.
Personifikation
Was wollt ihr Gott versprechen? Ungezählt stehen um euch Götter, wartend, daß ihr wählt.
Vergleich
So wie der Strom am Ausgang seine Dämme durchbricht mit seiner Mündung Übermaß, so brach nun durch die Ältesten der Stämme zum letztenmal die Stimme Josuas.