Jetzt wohin?
1861Jetzt wohin? Der dumme Fuß will mich gern nach Deutschland tragen; doch es schüttelt klug das Haupt mein Verstand und scheint zu sagen:
Zwar beendigt ist der Krieg, doch die Kriegsgerichte blieben, und es heißt, du habest einst viel Erschießliches geschrieben.
Das ist wahr, unangenehm wär mir das Erschossenwerden; bin kein Held, es fehlen mir die pathetischen Gebärden.
Gern würd ich nach England gehen. wären dort nicht Kohlendämpfe und Engländer - schon ihr Duft gibt Erbrechen mir und Krämpfe.
Manchmal kommt mir in den Sinn nach Amerika zu segeln, nach dem großen Freiheitsstall, der bewohnt von Gleichheitsflegeln -
doch es ängstet mich ein Land, wo die Menschen Tabak käuen, wo sie ohne König kegeln, wo sie ohne Spuknapf speien.
Rußland, dieses schöne Reich könnte mir vielleicht behagen, doch im Winter könnte ich dort die Knute nicht ertragen.
Traurig schau ich in die Höh, wo viele tausend Sterne nicken - aber meinen eignen Stern kann ich nirgends dort erblicken.
Hat im güldnen Labyrinth sich vielleicht verirrt am Himmel wie ich selber mich verirrt in dem irdischen Getümmel. -
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Interpretation
Das Gedicht "Jetzt wohin?" von Heinrich Heine thematisiert die Suche des lyrischen Ichs nach einem neuen Zufluchtsort nach den politischen Wirren und der eigenen Verfolgung in Deutschland. Es reflektiert die Unsicherheit und das Unbehagen, das mit der Verbannung und der Unfähigkeit einhergeht, einen sicheren Ort zu finden, an dem sich der Dichter zu Hause fühlen könnte. In einer Reihe von Überlegungen prüft das Ich verschiedene mögliche Zufluchtsorte, darunter England, Amerika und Russland, und lehnt jeden einzeln ab. Die Gründe für die Ablehnung sind vielfältig und reichen von persönlichem Unbehagen bis hin zu kulturellen und politischen Bedenken. Diese Überlegungen sind oft von Ironie und Sarkasmus geprägt, was die tiefe Enttäuschung des Dichters über die Welt und seine eigene Situation widerspiegelt. Das Gedicht schließt mit einem resignativen Blick in den nächtlichen Himmel, wo das Ich nach seinem eigenen Stern sucht, den es nicht finden kann. Dies symbolisiert die tiefe Sehnsucht nach einem Ort oder einer Identität, die ihm verwehrt bleibt. Das Bild des verirrten Sterns im "güldnen Labyrinth" des Himmels spiegelt die eigene Verirrung des Dichters im "irdischen Getümmel" wider und unterstreicht die Themen der Entwurzelung und der Suche nach einem Platz in der Welt.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Zwar beendigt ist der Krieg
- Hyperbel
- doch im Winter könnte ich dort die Knute nicht ertragen
- Ironie
- nach dem großen Freiheitsstall, der bewohnt von Gleichheitsflegeln
- Metapher
- im güldnen Labyrinth hat sich vielleicht verirrt am Himmel
- Personifikation
- der dumme Fuß will mich gern nach Deutschland tragen