IV. In sô hôher swebender wunne

Heinrich von Morungen

1222

I

In sô hôher swebender wunne sô gestuont mîn herze ane vröiden nie. ich var, als ich vliegen kunne, mit gedanken iemer umbe sie, Sît daz mich ir trôst enpfie, der mir durch die sêle mîn mitten in daz herze gie.

II

Swaz ich wunneclîches schouwe, daz spile gegen der wunne, die ich hân. luft und erde, walt und ouwe suln die zît der vröide mîn enpfân. Mir ist komen ein hügender wân und ein wunneclîcher trôst, des mîn muot sol hôhe stân.

III

Wol dem wunneclîchen maere, daz sô suoze durch mîn ôre erklanc, und der sanfte tuonder swaere, diu mit vröiden in mîn herze sanc, Dâ von mir ein wunne entspranc, diu vor liebe alsam ein tou mir ûz von den ougen dranc.

IV

Saelic sî diu süeze stunde, saelic sî diu zît, der werde tac, dô daz wort gie von ir munde, daz dem herzen mîn sô nâhen lac, Daz mîn lîp von vröide erschrac, und enweiz von liebe joch, waz ich von ir sprechen mac.

Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Illustration zu IV.   In sô hôher swebender wunne
↓ Bild in Originalgröße herunterladen

Interpretation

Das Gedicht "IV. In sô hôher swebender wunne" von Heinrich von Morungen ist ein Minnelied, das die überwältigende Freude und Liebe des lyrischen Ichs beschreibt. Die Interpretation erfolgt in drei Absätzen. Das lyrische Ich befindet sich in einem Zustand höchster, schwebender Wonne, die es nie ohne Freude erlebt hat. Es fühlt sich, als könnte es fliegen, und seine Gedanken kreisen ständig um die Geliebte. Seit sie ihm Trost spendet, der durch seine Seele bis ins Herz dringt, ist es von dieser Liebe erfüllt. Die Wonne, die das lyrische Ich empfindet, übertrifft alles, was es sonst als schön betrachtet. Luft, Erde, Wald und Au sollen diese Zeit der Freude aufnehmen. Ein sehnsuchtsvolles Wähnen und eine wunderbare Tröstung sind gekommen, die den Gemüt des lyrischen Ichs erheben. Die Worte der Geliebten, die süß durch das Ohr des lyrischen Ichs klingen, und der sanfte Klang, der mit Freude im Herzen singt, lassen eine Wonne entstehen, die vor Liebe fast wie ein Seufzer aus den Augen des lyrischen Ichs dringt. Die süße Stunde und die Zeit, der werdende Tag, an dem das Wort von den Lippen der Geliebten kam, das dem Herzen des lyrischen Ichs so nahe lag, sind gesegnet. Der Körper des lyrischen Ichs erschrak vor Freude, und aus Liebe weiß er nicht, was er von ihr sagen kann.

Schlüsselwörter

daz diu wunne herze vröiden gie vröide liebe

Wortwolke

Wortwolke zu IV.   In sô hôher swebender wunne

Stilmittel

hyperbel
mit gedanken iemer umbe sie
kontrast
Swaz ich wunneclîches schouwe, daz spile gegen der wunne, die ich hân
metapher
waz ich von ir sprechen mac
personifikation
luft und erde, walt und ouwe suln die zît der vröide mîn enpfân
vergleich
ich var, als ich vliegen kunne