Italia
1880I.
Früh′ hab′ ich deinen Boden schon betreten, Noch eh′ du meinem Geiste konntest frommen; Doch sahst du mich in Sehnsucht wiederkommen- Und still den Mann zu deinen Wundern beten.
O hehre Schauer, die mich da umwehten! O heil′ge Gluthen, die mich da durchglommen, Als deine Schönheit ganz ich aufgenommen In Land und Stadt, in Meistern und Propheten!
Doch allgemach beim ernsten Gang der Zeiten, Wo es zu siegen galt in Kampfesstunden, Sah ich dich ferner stets und ferner gleiten.
Und jetzt, da schon, zu Schwärmen rings verbunden, Die Menschen eilen, laut dich zu beschreiten, Bist du, verdämmernd, meinem Blick entschwunden.
II.
Ja, And′re mögen deine Galerien Durcheilen, deine Dome und Paläste Bestaunen jetzt als red′gewandte Gäste, Die ihrer eig′nen Leere gern entfliehen.
Zu jener Reife bin ich längst gediehen, Die sich nicht kümmert mehr um neue Reste; Was ich geschaut, das Höchste und das Beste, Ward längst in mir zu ew′gen Harmonien.
Lebendig sind mir Raphaels Madonnen Und Agnolo′s gewaltige Naturen: Sie wandeln um mich her im Licht der Sonnen.
Wohin ich blicke, find′ ich Schönheitsspuren- Und so beglücken mich Erkenntnißwonnen Bei jedem Tritt auf heimatlichen Fluren.
III.
Nach dir allein, du Zauberstadt im Meere, Nach dir, Venezia, faßt mich noch ein Sehnen; O könnt′ ich still an deinen Brücken lehnen, Du menschenvolle - und doch menschenleere!
Was deine Hoheit auch an Glanz entbehre Vergang′ner Zeiten, nichtig muß ich′s wähnen; Wie lieb′ ich dich mit deinen dunklen Kähnen, Die heut′ noch des Genusses schönste Fähre!
Du bist der Ort für müde Lebensschwingen, Die gern in deinen märchenhaften Räumen Zu leisem Fluge noch empor sich ringen.
Du bist der Ort für letztes Becherschäumen: So möcht′ auch ich in dir ein Lied noch singen Und einer letzten Liebe Traum noch träumen.
Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Interpretation
Das Gedicht "Italia" von Ferdinand Ludwig Adam von Saar ist ein dreiteiliges Werk, das eine tiefgreifende und sich entwickelnde Beziehung zum italienischen Land und seiner Kultur beschreibt. Im ersten Teil schildert der Dichter seine erste Begegnung mit Italien, die noch vor einer reifen geistigen Auseinandersetzung stattfand. Trotz dieser frühen Jugendzeit war die Erfahrung von Ehrfurcht und heiliger Begeisterung geprägt. Er erlebte die Schönheit Italiens in seiner Landschaft, seinen Städten und seinen Künstlern. Doch im Laufe der Zeit und der persönlichen Entwicklung entfernte sich der Dichter zunehmend von Italien, das nun im Vergleich zu seiner eigenen Reife und seinen Kämpfen weit entfernt und verblasst erscheint. Der zweite Teil reflektiert die gereifte Perspektive des Dichters. Andere mögen noch immer die italienischen Galerien und Denkmäler besuchen, doch für ihn sind die bedeutendsten Werke längst zu inneren, ewigen Harmonien geworden. Die Meisterwerke von Raphael und Agnolo Bronzino sind ihm lebendig und umgeben ihn mit ihrer Schönheit. Er findet überall Spuren der Schönheit, sogar in seiner Heimat, und fühlt sich durch sein erworbenes Wissen und seine Erkenntnisse bereichert. Im dritten Teil bleibt eine besondere Sehnsucht nach Venedig bestehen. Die Stadt im Meer übt eine magische Anziehungskraft aus, die den Dichter auch nach all den Jahren noch erfasst. Trotz des Verlusts vergangener Herrlichkeit liebt er Venedig mit seinen dunklen Kanälen und betrachtet es als Ort der Ruhe und der letzten Genüsse. Hier möchte er noch ein Lied singen und von einer letzten Liebe träumen, was auf eine Sehnsucht nach einem friedlichen Abschluss und einer finalen Erfüllung hindeutet. Insgesamt vermittelt das Gedicht eine Reise der persönlichen Entwicklung und der sich wandelnden Beziehung zu Italien, von der jugendlichen Begeisterung über die gereifte Wertschätzung bis hin zur anhaltenden Sehnsucht nach Venedig.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Doch sahst du mich in Sehnsucht wiederkommen
- Apostrophe
- O hehre Schauer, die mich da umwehten!
- Hyperbel
- O heil′ge Gluthen, die mich da durchglommen
- Metapher
- Und einer letzten Liebe Traum noch träumen
- Personifikation
- Früh′ hab′ ich deinen Boden schon betreten