Ist denn dein hertze gar erfroren?

Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau

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Ist denn dein hertze gar erfroren? Bist du aus schnee und eiß gebohren? Hörst du mein seuffzen nicht/ Und was mein unmuth spricht? Soll ich dich göttin nennen? So nimm des himmels wehmuth an/ Der leichtlich sich erbarmen kan/ Und uns nicht ewig läst in hoffnungs-flammen brennen.

Des blutes regung zu vermeiden/ Und gantz von fleisch und blut zu scheiden/ Ist nirgends ein gebot/ Es heissets auch nicht Gott; Sich selber zu verlassen Ist eine flucht/ so sträfflich ist/ Und wer ihm solche bahn erkiest/ Den muß die menschlichkeit als einen unmensch hassen.

Du kanst ja deiner nicht geniessen/ Kein mund weiß selber sich zu küssen/ Der schnee auff deiner brust Bringt dir geringe lust. Die fleischichten Granaten Seynd nicht allein vor dich erdacht/ Kein mensch ist vor sich selbst gemacht; Es weiß der klügste geist ihm hier nicht recht zu rathen.

Die rose suchet ihr verderben/ Die auff dem stocke wünscht zu sterben/ Und nur ihr gantz allein Meynt angetraut zu seyn. Wilst du dich selbst begraben? Wer sich in sich umsonst verzehrt/ Ist warlich seiner selbst nicht werth/ Und muß der thorheit schild an seiner grabstatt haben.

Bezwinge weißlich dein gemüthe/ Und folge zeitlich dem geblüte/ Darein im paradieß Gott selber funcken bließ; Wer kan ihm widerstreben? Schau ich dein helles antlitz an/ So fühl ich was der himmel kan/ Und wünsch auff deiner brust verparadießt zu leben.

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Illustration zu Ist denn dein hertze gar erfroren?

Interpretation

Das Gedicht "Ist denn dein hertze gar erfroren?" von Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau ist ein leidenschaftlicher Appell an eine Frau, die scheinbar gefühlskalt und unnahbar erscheint. Der lyrische Ich bittet die Angebetete, ihre Herzenskälte aufzugeben und sich der Liebe zu öffnen. Im ersten Teil des Gedichts wird die Frau als gefühllos und unempfänglich für die Liebe des Sprechers dargestellt. Der Sprecher fragt, ob ihr Herz erfroren sei und ob sie aus Schnee und Eis geboren sei. Er bittet sie, Mitleid mit seinem Leid zu haben und nicht ewig in der Hoffnung auf ihre Liebe brennen zu lassen. Der zweite Teil des Gedichts argumentiert gegen die Selbstkasteiung und die Verleugnung der eigenen Menschlichkeit. Der Sprecher weist darauf hin, dass es kein Gebot gibt, die Regungen des Blutes zu vermeiden und sich von Fleisch und Blut zu trennen. Er warnt davor, sich selbst zu verlassen und bezeichnet dies als eine strafbare Flucht, die von der Menschlichkeit gehasst wird. Im dritten Teil des Gedichts wird die Sinnlosigkeit der Selbstverleugnung betont. Der Sprecher weist darauf hin, dass man sich selbst nicht genießen kann und dass niemand sich selbst küssen kann. Er vergleicht die Frau mit Schnee auf ihrer Brust, der wenig Lust bringt. Er betont, dass die fleischlichen Reize nicht nur für sie selbst geschaffen wurden und dass kein Mensch für sich selbst gemacht ist. Selbst der klügste Geist kann hier nicht den richtigen Rat geben. Im letzten Teil des Gedichts wird die Frau aufgefordert, ihr weißes Gemüt zu bezwingen und der Zeit zu folgen, in der Gott selbst den Funken der Liebe in den Paradiesgarten blies. Der Sprecher betont, dass niemand Gott widerstreben kann. Er gesteht, dass er bei Anblick des hellen Antlitzes der Frau spürt, was der Himmel vermag, und wünscht sich, auf ihrer Brust verparadiess zu leben.

Schlüsselwörter

kan selber auff selbst schnee gantz gott muß

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Stilmittel

Alliteration
Bezwinge weißlich dein gemüthe
Anapher
Ist denn dein herzte gar erfroren? / Bist du aus schnee und eiß gebohren? / Hörst du mein seuffzen nicht/ Und was mein unmuth spricht?
Anspielung
Darein im paradieß / Gott selber funcken bließ
Chiasmus
Kein mensch ist vor sich selbst gemacht;
Hyperbel
und uns nicht ewig läst in hoffnungs-flammen brennen.
Kontrast
Des blutes regung zu vermeiden / Und gantz von fleisch und blut zu scheiden
Metapher
Bist du aus schnee und eiß gebohren?
Personifikation
Der schnee auff deiner brust Bringt dir geringe lust.
Rhetorische Frage
Ist denn dein herzte gar erfroren?
Symbolik
Die rose suchet ihr verderben / Die auff dem stocke wünscht zu sterben