Irland

Ferdinand Freiligrath

1849

An rost´ger Kette liegt das Boot; Das Segel träumt, das Ruder lungert. Das macht, der Fischerbub ist tot; Das macht, der Fischer ist verhungert! Denn Irlands Fisch ist Herrenfisch; Der Strandherr praßt vom reichen Fange, Leer aber bleibt des Fängers Tisch – So starb der Fischer, so sein Range.

Die Herde blökt, die Herde brüllt; Welch ein Gedräng von Küh´n und Schafen! Der Hirt, von Lumpen schlecht verhüllt, Treibt sie ans Meer zum nächsten Hafen. Denn Irlands Vieh ist Herrenvieh: Das gerne Paddys Knochen stärkte Und seiner Kinder brechend Knie – Der Grundherr schickt´s auf fremde Märkte.

Drum ist sein Viehstall ihm ein Born Der Üppigkeit und des Genusses, Und jeglich Kuh- und Bullenhorn Wird ihm ein Horn des Überflusses. Er läßt zu London und Paris Den Spieltisch unterm Gold sich biegen; – Sein Volk, das er zu Hause ließ, Fällt unterdes wie Winterfliegen.

Halloh, Halloh! Grün-Erins Jagd! Paddy, lang´ zu! das nenn´ ich Ziemer! Umsonst! auch das wird fortgebracht, Meerüber mit dem ersten Steamer! Denn Irlands Wild ist Herrenwild: Es füllt des Grundherrn Bauch und Taschen – Der bleiche Knecht, des Elends Bild, Hilf Gott! ist selbst zu matt zum Paschen!

So sorgt der Herr, daß Hirsch und Ochs, Das heißt: daß ihn sein Bauer mäste; Statt auszutrocknen seine Bogs – Ihr kennt sie ja: Irlands Moräste! Er läßt den Boden nutzlos ruhn, Drauf Halm an Halm sich wiegen könnte; Er läßt ihn schnöd dem Wasserhuhn, Dem Kibitz und der wilden Ente!

Ja doch, bei Gottes Fluche: – Sumpf Und Wildnis vier Millionen Äcker! Ihr aber seid blasiert und stumpf, Faul und verfault – euch weckt kein Wecker! O, irisch Land ist Herrenland: Drum stehn die Mütter an den Wegen, Den toten Säugling im Gewand, Und flehn euch, ihn ins Grab zu legen.

– So schallt die Klage Tag und Nacht, So grollt es Connaught durch und Leinster. Der West hat mir den Schrei gebracht – Er trug ihn schrill bis vor mein Fenster. Matt, wie ein angeschossner Weih, Herschwebt´ er über Höh´n und Sunde – Der Schrei der Not, der Hungerschrei, Der Sterbeschrei aus Erins Munde!

Erin – da liegt sie auf den Knien, Bleich und entstellt, mit weh´ndem Haare. Und streut des Shamrocks welkend Grün Zitternd auf ihrer Kinder Bahre. Sie kniet am See, sie kniet am Strom, Sie kniet auf ihrer Berge Kronen – Mehr noch, als Harold-Bhrons Rom, »Die Niobe der Nationen!«

Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Illustration zu Irland

Interpretation

Das Gedicht "Irland" von Ferdinand Freiligrath ist eine leidenschaftliche Anklage gegen die soziale Ungerechtigkeit und Ausbeutung, die das irische Volk unter der Herrschaft der englischen Grundbesitzer erleiden musste. Freiligrath schildert eindringlich die Not und den Hunger der Iren, die von den Früchten ihrer Arbeit ausgeschlossen werden. Der Dichter verwendet dabei starke Bilder und Metaphern, um die Situation zu verdeutlichen, wie zum Beispiel die rostige Kette, die das Boot am Ufer hält, oder die leeren Tische der Fischer. Freiligrath verdeutlicht, dass die Ressourcen Irlands, wie Fisch und Vieh, als "Herrenfisch" und "Herrenvieh" bezeichnet werden, da sie den englischen Grundherren gehören und nicht der einheimischen Bevölkerung zugutekommen. Die Iren selbst sind gezwungen, unter Hunger und Armut zu leiden, während die Grundherren in Luxus schwelgen und ihr Vermögen in ausländischen Städten wie London und Paris vergeuden. Der Dichter kritisiert die Gleichgültigkeit und den Zynismus der Grundbesitzer, die das Land ungenutzt lassen und die Bevölkerung ihrem Schicksal überlassen. Das Gedicht endet mit einer ergreifenden Beschreibung der irischen Mutter Erde, die als "Niobe der Nationen" bezeichnet wird, ein Verweis auf die griechische Mythologie. Erin, die Personifikation Irlands, kniet weinend am Boden und streut das welkende Kleeblatt, das Symbol Irlands, auf das Grab ihrer Kinder. Freiligrath ruft die Leser dazu auf, aufzuwachen und die Not der Iren zu erkennen, um endlich etwas gegen das Unrecht zu unternehmen. Das Gedicht ist ein eindringlicher Appell für soziale Gerechtigkeit und ein Plädoyer für die Rechte des irischen Volkes.

Schlüsselwörter

irlands läßt kniet liegt macht fischer herde kinder

Wortwolke

Wortwolke zu Irland

Stilmittel

Alliteration
Die Niobe der Nationen
Anspielung
Niobe der Nationen
Enjambement
Mehr noch, als Harold-Bhrons Rom, »Die Niobe der Nationen!«
Hyperbel
Meerüber mit dem ersten Steamer!
Metapher
Irlands Land ist Herrenland
Personifikation
Das Segel träumt, das Ruder lungert.
Symbol
Niobe der Nationen
Vergleich
Matt, wie ein angeschossner Weih