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Ins Unendliche strebt

Von

Ins Unendliche strebt sich die Bildung der Zeit zu erweitern,
Aber dem breiteren Strom droht die Verflachung bereits.

Fülle die Jugend mit würdigem Stoff und in froher Begeistrung
Lehre sie glühn! Die Kritik kommt mit den Jahren von selbst.

Immer behalte getreu vor Augen das Höchste, doch heute
Strebe nach dem, was heut du zu erreichen vermagst.

Nicht wer Staatstheorien doziert, ein Politiker ist nur,
Wer im gegebenen Fall richtig das Mögliche schafft.

Stets zu Schwärmen gesellt sich das Volk der geschwätzigen Stare,
Einsam sucht sich der Aar über den Wolken die Bahn.

Bester, du hast ein Gewissen für das, was sittlich und wahr ist,
Warum fehlt es dir, ach, nur für das Schöne so ganz?

Nicht bloß, wer im Gemüt abstreifte den Zügel der Sitte,
Wer sich des Häßlichen nicht schämt, er ist auch ein Barbar.

Eile mit Weile! Den Kahn erst lerne zu steuern im Hafen,
Eh′ zur Entdeckungsfahrt mächtige Segel du spannst.

Stolz und schweigend enthüllt sein Werk uns der Meister; im eitlen
Selbstlob birgt ein Gefühl heimlicher Schwäche sich nur.

Tiefer erscheint trübströmende Flut, durchsichtige flacher,
Aber das Senkblei lehrt oft, daß dich beides getäuscht.

Ist denn die Blume nur da zum Zergliedern? Weh dem Geschlechte,
Das, anstatt sich zu freun, jegliche Freude zerdenkt!

Torheit bleibt′s, im Gesang um den Preis der Geschichte zu ringen,
Doch der poetische Stoff kann ein historischer sein.

Freilich für ein Gedicht ist Schönheit immer das Höchste,
Nur nicht jeglicher Zeit Höchstes ein schönes Gedicht.

Ward dir Großes versagt, so übe die Kunst an bescheidnen
Stoffen und strebe mit Ernst, Meister im Kleinen zu sein.

In dem kastalischen Born, dem begeisternden, sprudelt ein Tropfen
Lethe; jeglichen Schmerz dämpft er, so lange du singst.

Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Gedicht: Ins Unendliche strebt von Emanuel Geibel

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Ins Unendliche strebt“ von Emanuel Geibel ist eine vielschichtige Reflexion über Bildung, Fortschritt, Kunst und die menschliche Natur. Es bietet eine Fülle an Ratschlägen und Beobachtungen, die sich an eine junge, aufstrebende Persönlichkeit richten, und versucht, ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Idealismus und Pragmatismus zu vermitteln. Das Gedicht ist durchzogen von klugen Einsichten und Warnungen vor verschiedenen Fallstricken, die auf dem Weg zum Erfolg und zur Erfüllung lauern.

Geibel beginnt mit einer Betrachtung des Fortschritts und der Gefahr der Oberflächlichkeit, die mit ihm einhergehen kann. Er mahnt dazu, die Jugend mit „würdigem Stoff“ zu füllen und sie für die Welt zu begeistern, da Kritik und Reflexion mit der Erfahrung ohnehin kommen. Im weiteren Verlauf werden die Themen Realismus und Idealismus behandelt. Er unterstreicht die Bedeutung, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren und sich nicht in weltfremden Theorien zu verlieren, sondern im Hier und Jetzt das Mögliche zu schaffen. Die Zeilen „Eile mit Weile! Den Kahn erst lerne zu steuern im Hafen, / Eh‘ zur Entdeckungsfahrt mächtige Segel du spannst“ sind hierfür bezeichnend.

Ein zentrales Thema des Gedichts ist die Kunst. Geibel spricht sich für ein Streben nach dem Schönen aus, warnt aber auch vor der Gefahr des bloßen Äußerlichen. Er betont die Bedeutung von Bescheidenheit und Ernsthaftigkeit, insbesondere für junge Künstler. Die Zeilen „Stolz und schweigend enthüllt sein Werk uns der Meister; im eitlen / Selbstlob birgt ein Gefühl heimlicher Schwäche sich nur“ sind eine klare Anspielung auf die Notwendigkeit von Demut und harter Arbeit. Er appelliert an die Leser, sich nicht in der Suche nach dem „Höchsten“ zu verlieren, sondern auch die Schönheit im Kleinen zu erkennen und zu würdigen. Das Gedicht zeigt also die Balance zwischen der Auseinandersetzung mit dem Großen und dem Wert des Handwerklichen, des Nahbaren.

Schließlich findet das Gedicht Trost und Zuflucht in der Kunst selbst. In der letzten Strophe wird die heilende und tröstende Kraft der Poesie betont. Der „kastalische Born“, eine Quelle der Inspiration, bietet einen Tropfen Lethe, der jeglichen Schmerz lindert, solange man singt. Diese Zeilen unterstreichen die transformative Kraft der Kunst und ihre Fähigkeit, Trost und Erneuerung zu schenken. Die letzte Strophe ist also nicht nur ein Schlusswort, sondern auch eine Ermutigung, die Kraft der Kunst zu nutzen, um die Widrigkeiten des Lebens zu bewältigen.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.