In trüber Zeit
1870Wenn du dich ins Aergste fandest – Aergstes ist: geboren werden – Find dich ruhig auch ins andre, Minder Arge auf der Erden. Sterben rechnet man als Schlimmstes, Dem man nicht entrinnen kann; Höchst vernünftig ist′s, du nimmst es, Wie es tritt an dich heran.
Damit freilich hat das Leben Und was drum und dran ein Ende, Du jedoch sei still ergeben, Wo′s dich träfe, wo′s dich fände; Ob nach viel′, nach wenig′ Jahren, Einmal droht das eisern′ Muß, Ob und was du auch erfahren, Kurz ist aller Weisheit Schluß:
Daß durch Wasserflut und Brände, Alles Siechtums grause Plagen Noch der Mensch zurecht sich fände, Ohne um sein Los zu klagen. Allen Jammer, der durchzittert Bange Herzen ohne Ruh′, Was die Welt vergällt, verbittert, Fügt der Mensch dem Menschen zu!
Nicht die Bosheit ist′s, die niedre, Die am Aergsten dich bedrücket, Nein, die Dummheit ist′s, die biedre, Die dir sacht das Herz zerstücket; Stetig wirket sie gelassen Und sie wirkt sich niemals aus, Jagst du heut sie von den Gassen, Dringt sie morgen dir ins Haus.
Hoffe: daß ′s zum Bessern treibe! Fürchte: vielleicht wird′s auch schlimmer! Aber, daß es besser bleibe, Darauf hoffe nie und nimmer. Lerne grollend dich bescheiden, Dummheit ruht zu keiner Frist, Kluge nützen nur die Zeiten, Wo sie etwas schläfrig ist.
Was ins Leben Edle riefen, Kann sie dauernd nicht ertragen, Wie die Brunnen aus den Tiefen Einstens in der Sündflut Tagen Plötzlich sich ergossen hatten Aller Höhen, aller Ort, Spült auch sie die reifen Saaten Samt der Bodenkrume fort.
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Interpretation
Das Gedicht "In trüber Zeit" von Ludwig Anzengruber ist ein tiefgründiges und reflektierendes Werk, das sich mit den Herausforderungen und Widrigkeiten des Lebens auseinandersetzt. Der Autor ermutigt den Leser, sich mit den Schwierigkeiten des Lebens abzufinden und gelassen zu bleiben, selbst in den trübsten Zeiten. Anzengruber betont, dass das Leben unweigerlich mit Leiden und Tod verbunden ist, und rät dazu, diese Tatsache zu akzeptieren, anstatt sich darüber zu beklagen. Der zweite Teil des Gedichts lenkt den Fokus auf die menschliche Dummheit als eine der größten Quellen des Leids. Anzengruber stellt klar, dass es nicht die Bosheit ist, die uns am meisten bedrückt, sondern die Dummheit, die oft subtiler und beständiger wirkt. Er warnt davor, dass Dummheit ein beständiges Übel ist, das sich nicht leicht ausrotten lässt und immer wieder auftaucht, selbst wenn man glaubt, es besiegt zu haben. Im letzten Teil des Gedichts appelliert Anzengruber an den Leser, sich nicht zu sehr auf Besserung zu hoffen, sondern vielmehr zu lernen, mit den Widrigkeiten des Lebens umzugehen. Er rät dazu, die Zeiten zu nutzen, in denen die Dummheit schläft, und sich nicht zu sehr auf eine dauerhafte Verbesserung der Welt zu verlassen. Das Gedicht endet mit einem Vergleich zur biblischen Sintflut, die alles Edle und Gute hinwegspült, und deutet an, dass die Dummheit letztendlich alles Gute im Leben zu zerstören vermag.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Wasserflut und Brände
- Anapher
- Ob nach viel′, nach wenig′ Jahren
- Chiasmus
- Nicht die Bosheit ist's, die niedere, Die am Aergsten dich bedrücket
- Hyperbel
- Kurz ist aller Weisheit Schluß
- Kontrast
- Höchst vernünftig ist's, du nimmst es, Wie es tritt an dich heran
- Metapher
- Aergstes ist: geboren werden
- Personifikation
- Dummheit ruht zu keiner Frist
- Vergleich
- Wie die Brunnen aus den Tiefen Einstens in der Sündflut Tagen