In seinem Sessel...

Karl Marx

1818

In seinem Sessel, behaglich dumm, Sitzt schweigend das deutsche Publikum. Braust der Sturm herüber, hinüber, Wölkt sich der Himmel düster und trüber, Zischen die Blitze schlängelnd hin, Das rührt es nicht in seinem Sinn. Doch wenn sich die Sonne hervorbeweget, Die Lüfte säuseln, der Sturm sich leget, Dann hebt’s sich und macht ein Geschrei, Und schreibt ein Buch: “der Lärm sei vorbei.” Fängt an darüber zu phantasieren, Will dem Ding auf den Grundstoff spüren, Glaubt, das sei doch nicht die rechte Art, Der Himmel spaße auch ganz apart, Müsse das All systematischer treiben, Erst an dem Kopf, dann an den Füßen reiben, Gebärd’t sich nun gar, wie ein Kind, Sucht nach Dingen, die vermodert sind, Hätt’ indessen die Gegenwart sollen erfassen, Und Erd’ und Himmel laufen lassen, Gingen ja doch ihren gewöhnlichen Gang, Und die Welle braust ruhig den Fels entlang.

(Gedichte, meinem treuen Vater zum Geburtstage)

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Illustration zu In seinem Sessel...

Interpretation

Das Gedicht "In seinem Sessel" von Karl Marx kritisiert das deutsche Publikum als passiv und gleichgültig gegenüber gesellschaftlichen und politischen Unruhen. Es wird als "behaglich dumm" beschrieben, das schweigend in seinem Sessel sitzt und von den "Stürmen" und "Blitze" unberührt bleibt, die um es herum toben. Das Gedicht legt nahe, dass das Publikum nur dann reagiert, wenn die Gefahr vorbei ist und die Sonne wieder scheint, was als unaufrichtig und feige dargestellt wird. Marx vergleicht das deutsche Publikum mit einem Kind, das nach "Dingen, die vermodert sind" sucht, anstatt die Gegenwart zu erfassen und die Welt voranzubringen. Er kritisiert die Tendenz des Publikums, sich in abstrakte Theorien und Systematisierung zu flüchten, anstatt sich den realen Problemen zu stellen. Das Gedicht endet mit der Feststellung, dass die Welt trotz all des Lärms und der Unruhe ihren gewohnten Gang geht, was als Kritik an der Ohnmacht und Irrelevanz des deutschen Publikums interpretiert werden kann. Insgesamt ist "In seinem Sessel" ein scharfsinniges und beißendes Gedicht, das die Passivität und Gleichgültigkeit des deutschen Publikums gegenüber gesellschaftlichen und politischen Veränderungen anprangert. Marx fordert das Publikum auf, aus seiner bequemen Passivität aufzuwachen und sich den realen Problemen der Welt zu stellen, anstatt sich in abstrakte Theorien und Systematisierung zu flüchten. Das Gedicht ist ein Aufruf zum Handeln und zur Verantwortungsübernahme in einer Zeit des Umbruchs und der Unruhe.

Schlüsselwörter

himmel braust sturm sessel behaglich dumm sitzt schweigend

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Stilmittel

Alliteration
Wölkt sich der Himmel düster und trüber
Bildsprache
Und die Welle braust ruhig den Fels entlang
Hyperbel
Müsse das All systematischer treiben
Ironie
Und schreibt ein Buch: 'der Lärm sei vorbei.'
Kontrast
Doch wenn sich die Sonne hervorbeweget, / Die Lüfte säuseln, der Sturm sich leget
Metapher
Gingen ja doch ihren gewöhnlichen Gang
Personifikation
Braust der Sturm herüber, hinüber