In Schönheit

Lisa Baumfeld

1895

… Doch aus dem Spiegel trat - beklemmend nahe Mein eig′nes Bild.

Ich hab′ so oft geträumt Von blonder, stiller, märchenheller Schönheit, Daraus sich meine Seele weben sollt′, Die ätherleichte, scheue Gliederhülle, - Denn meine Seele ist unendlich still Und traumhaft blond, und weinend schön und innig …

Doch aus dem Spiegel trat das eig′ne Bild So schmerzlich anders mir entgegen …

Dunkel Brannt′ in dem Blick die braune Thränenflut, Die schwere, ungeweinte … Auf der Stirne Sah ich es huschen … wie Gespensterhauch Und wie das Stöhnen ungebor′ner Lieder … Und in den Runen um den strengen Mund Sah ich die Krämpfe stummer Qualen zucken Und nah′ dem Auge tiefe Spuren blau′n, Wie von der Tragik durchgewachter Nächte …

Es war ein schmerzlich düst′res Spiegelbild Und dennoch schön.

Von jener fahlen Schönheit, Die schluchzend sich aus off′nen Wunden ringt … Mein blasses Spiegelbild! Du darfst nicht klagen! Du musst die Wunden deiner Schönheit tragen.

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Illustration zu In Schönheit

Interpretation

Das Gedicht "In Schönheit" von Lisa Baumfeld handelt von der Konfrontation des lyrischen Ichs mit seinem eigenen Spiegelbild, das eine tiefere, schmerzhafte Wahrheit über die eigene Seele und Identität offenbart. Der Titel "In Schönheit" deutet auf die äußere Schönheit hin, die jedoch im Gedicht als eine komplexere, innere Schönheit entlarvt wird. Im ersten Teil des Gedichts beschreibt das lyrische Ich einen Traum von einer idealisierten Schönheit, die es als "blonder, stiller, märchenheller" empfindet. Diese Schönheit wird als etwas Ätherisches, Scheues und Inniges beschrieben, das die Seele umhüllen soll. Es ist eine Art von Schönheit, die das lyrische Ich anstrebt, aber nicht erreicht. Die Wendung kommt, als das lyrische Ich seinem tatsächlichen Spiegelbild gegenübersteht. Dieses Bild ist "schmerzlich anders" als das erträumte Ideal. Die Augen sind "dunkel" und voller "brauner Thränenflut", die Stirn zeigt Spuren von "Gespensterhauch" und "Stöhnen ungebor'ner Lieder". Der Mund ist von "Runen" umgeben, die von "Krämpfen stummer Qualen" zeugen. Die tiefblauen Spuren unter den Augen deuten auf "Tragik durchgewachter Nächte" hin. Dieses Spiegelbild ist düster und schmerzhaft, aber dennoch schön in seiner eigenen Art. Die letzte Strophe bringt eine Art von Akzeptanz oder Resignation zum Ausdruck. Das lyrische Ich erkennt die "fahle Schönheit" an, die "schluchzend sich aus off'nen Wunden ringt". Es ermahnt sich selbst, nicht zu klagen und die "Wunden der Schönheit" zu tragen. Dies könnte als eine Aufforderung verstanden werden, die eigene, vielleicht weniger ideale Schönheit und die damit verbundenen Schmerzen zu akzeptieren und zu umarmen, anstatt nach einem unerreichbaren Ideal zu streben.

Schlüsselwörter

schönheit spiegel trat eig bild seele schön schmerzlich

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Wortwolke zu In Schönheit

Stilmittel

Alliteration
schluchzend sich aus off'nen Wunden
Hyperbel
Denn meine Seele ist unendlich still
Metapher
Dunkler brannt in dem Blick die braune Thränenflut
Personifikation
Es war ein schmerzlich düstres Spiegelbild
Symbolik
Von jener fahlen Schönheit, Die schluchzend sich aus off'nen Wunden ringt
Vergleich
Und wie das Stöhnen ungebor'ner Lieder