In Potsdam
1850Vom Dome hallen Glockenklänge - Stille Andacht überall, Gläubig singt des Volkes Menge Zu der Orgel hellem Schall; Dort in einsamer Kapelle An des Altars heilger Schwelle Knie′n die Allerhöchsten Sünder, Gottes auserwählte Kinder.
Was sie beten, was sie flehen? Ihre bleiche Lippe spricht: »Jetzt, da wir am Abgrund stehen, Jetzt - nur jetzt verlaß′ uns nicht! Unser Purpur will erbleichen, Unsre Macht zerfällt in Scherben: Lass′ mit Blute sonder Gleichen Uns den Purpur wieder färben!
Mögen sie zum Himmel beten Und mit neu gestärktem Muth Eines Volkes Recht zertreten, Pochend auf des Höchsten Huth: Taub und schwach sind ihre Götter, Taugen nur zum Spiel der Spötter; Doch der Geist, der ewig freie, Gibt dem Volk die Siegesweihe!
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Interpretation
Das Gedicht "In Potsdam" von Louise Franziska Aston beschreibt eine kontrastierende Szenerie zwischen der allgemeinen Frömmigkeit und einer geheimen, elitären Gebetsstätte. Während das Volk in der Kirche gemeinsam betet und singt, knien in einer einsamen Kapelle die "Allerhöchsten Sünder", die sich als "Gottes auserwählte Kinder" bezeichnen. Dies deutet auf eine elitäre Gruppe hin, die sich von der Masse abhebt und möglicherweise ihre Machtposition ausnutzt. Die Gebete der elitären Gruppe offenbaren ihre Angst vor dem Verlust ihrer Macht und ihres Einflusses. Sie flehen um göttliche Hilfe, um ihren "Purpur" wieder zu färben, was metaphorisch für ihre Macht und ihren Einfluss steht. Die Verwendung von religiöser Sprache und Symbolik deutet darauf hin, dass sie ihre Position als von Gott gegeben betrachten und daher göttliche Unterstützung für ihre Zwecke suchen. Das Gedicht kritisiert die Heuchelei und den Missbrauch religiöser Überzeugungen durch die Mächtigen. Es legt nahe, dass die Eliten die Religion als Mittel zur Rechtfertigung ihrer Herrschaft und zur Unterdrückung des Volkes missbrauchen. Die "bleiche Lippe" und das Flehen um göttliche Unterstützung stehen im Kontrast zur "tauben und schwachen" Natur der Götter, die von den Eliten angerufen werden. Das Gedicht endet mit der Erwähnung eines "Geistes, der ewig freie", der dem Volk die "Siegesweihe" gibt, was auf eine mögliche Rebellion oder Revolution gegen die unterdrückerische Herrschaft hindeutet.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Taub und schwach sind ihre Götter
- Bildsprache
- Jetzt, da wir am Abgrund stehen
- Hyperbel
- Lass′ mit Blute sonder Gleichen Uns den Purpur wieder färben!
- Kontrast
- Mögen sie zum Himmel beten Und mit neu gestärktem Muth Eines Volkes Recht zertreten
- Metapher
- Doch der Geist, der ewig freie, Gibt dem Volk die Siegesweihe!
- Personifikation
- Was sie beten, was sie flehen?
- Symbolik
- Pochend auf des Höchsten Huth