In Hamburg

Wolfgang Borchert

1947

In Hamburg ist die Nacht nicht wie in andern Städten die sanfte blaue Frau, in Hamburg ist sie grau und hält bei denen, die nicht beten, im Regen Wacht.

In Hamburg wohnt die Nacht in allen Hafenschänken und trägt die Röcke leicht, sie kuppelt, spukt und schleicht, wenn es auf schmalen Bänken sich liebt und lacht.

In Hamburg kann die Nacht nicht süße Melodien summen mit Nachtigallentönen, sie weiß, dass uns das Lied der Schiffssirenen, die aus dem Hafen stadtwärts brummen, genau so selig macht.

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Illustration zu In Hamburg

Interpretation

Das Gedicht "In Hamburg" von Wolfgang Borchert zeichnet ein lebendiges Bild der nächtlichen Atmosphäre in Hamburg. Die Nacht wird als grau und wachsam dargestellt, die über den Regen wacht und bei denen, die nicht beten, eine Art Schutz bietet. Dies deutet auf eine düstere, aber auch beschützende Präsenz hin, die die Stadt umgibt. In den Hafenschänken findet die Nacht ihren Wohnsitz und wird als eine Figur beschrieben, die leicht gekleidet ist und sich mit den Gästen einlässt. Sie kuppelt, spukt und schleicht herum, was auf eine lebendige, manchmal unheimliche Atmosphäre hindeutet. Die Nacht ist Zeugin von intimen Momenten, in denen sich Menschen auf schmalen Bänken lieben und lachen, was die Nacht zu einem Teil des Lebens und der Beziehungen macht. Die Nacht in Hamburg kann keine süßen Melodien wie eine Nachtigall summen, sondern ist von den Geräuschen der Schiffssirenen geprägt, die aus dem Hafen in die Stadt dringen. Diese Geräusche werden als ebenso erhebend empfunden wie die Lieder der Nachtigall, was die einzigartige und unverwechselbare Klanglandschaft Hamburgs betont. Das Gedicht vermittelt eine tiefe Verbundenheit mit der Stadt und ihrer besonderen nächtlichen Atmosphäre.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Alliteration
Die Wiederholung des 's' Lautes in 'sich liebt und lacht' und 'schmalen Bänken'.
Bildsprache
Die Beschreibung der Nacht als 'grau' und die 'Schiffssirenen, die aus dem Hafen stadtwärts brummen' erzeugen visuelle und auditive Bilder.
Enjambement
Der Gedanke setzt sich über Zeilengrenzen fort, z.B. 'In Hamburg ist die Nacht / nicht wie in andern Städten'.
Kontrast
Die Nacht in Hamburg wird als 'grau' beschrieben, im Gegensatz zu 'sanfte blaue Frau' in anderen Städten.
Metapher
Die Nacht wird als 'sanfte blaue Frau' und als etwas, das in 'Hafenschänken' wohnt, beschrieben.
Personifikation
Die Nacht wird als 'sanfte blaue Frau' und als etwas, das 'Wacht hält' und 'kann nicht süße Melodien summen', dargestellt.
Symbolik
Die 'Schiffssirenen' symbolisieren die einzigartige Atmosphäre und den Klang von Hamburg.