In Glorie

Maria Janitschek

1895

Er kleidete in weiche Seide sich und trank von Weinen, davon jeder Tropfen so teuer kam wie eine edle Perle. Sein Haus, mit Werken hoher Kunst geschmückt, umgab ein Park, in dem die schönsten Vögel, die Nord und Süd gebiert, ihr Preislied sangen.

Wo Park und Wald zusammenstießen, lag ein silberklar Gewässer. Sommernachts, wenn Mondlicht auf den weichen Fluten spielte und aus dem Thale sanfte Flöten tönten, gab er des Leibes heiliges Geheimnis den Wassern preis, und küßte junge Schwäne, die, ihre Flügel öffnend, zu ihm schwammen.

Ein zärtlich Lächeln lag um seinen Mund, in seinen scheuen märchentiefen Augen, den weichen Kinderaugen; und doch war ein Tiger dieser Mensch .. der Purpurtrank, den seine Lippen schlürften: rauchend Blut, das Haus des Friedens, drin er wie ein Priester im weißen Kleide hinschritt, aufgebaut aus Raub und Diebstahl. Mit der Priestermiene ging er am Sonntag Morgen auf die Flur und zwang mit seines Willens wilder Kraft die stillen thaubenetzten Sommerblumen, daß sie ihr innerstes Geheimnis ihm ins lauschbegierige Ohr bekannten, zwang das leichtbehufte Roß auf weiter Pußta, den singenden Delphin in blauer Meerflut, den lavaroten Krater, weiße Gletscher, den goldnen Mittag, die Johannisnacht, die Sphinx: das Weib, daß alle alle sie, von seinem wilden Wissensdurst bedräut, ihr letztes heiliges Mysterium ihm offenbarten. Und er? Schreiend vor Lust, dem Adler gleich, der die gewonnene Beute zur Sonne trägt, entfloh in dieses Thal, und baute aus dem Golde der Erfahrung sich hier sein Königshaus. Er war ein Dichter.

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Illustration zu In Glorie

Interpretation

Das Gedicht "In Glorie" von Maria Janitschek erzählt von einem Mann, der in einem luxuriösen und kunstvollen Leben schwelgt. Er kleidet sich in weiche Seide, trinkt teuren Wein und lebt in einem Haus, das von hoher Kunst umgeben ist. Sein Park beherbergt die schönsten Vögel, und ein silberklares Gewässer liegt am Rande des Waldes. In den Sommernächten badet er nackt im Wasser und küsst junge Schwäne, die zu ihm schwimmen. Sein Lächeln ist zärtlich, und seine Augen sind scheu und märchentief, doch gleichzeitig ist er ein Raubtier, das seinen Reichtum aus Raub und Diebstahl aufgebaut hat. Der Mann wird als ein Priester dargestellt, der am Sonntagmorgen mit wilder Kraft die Natur zwingt, ihm ihre Geheimnisse zu offenbaren. Er zwingt die Blumen, das Pferd, den Delphin, den Vulkan, die Gletscher, den Mittag, die Johannisnacht und sogar die Sphinx, ihre heiligen Mysterien preiszugeben. Sein Wissensdurst ist unersättlich, und er schreit vor Lust, wenn er seine Beute, das erlangte Wissen, zur Sonne trägt. Er flieht in ein Tal und baut sich ein Königshaus aus dem Gold der Erfahrung. Das Gedicht beschreibt die zwiespältige Natur des Mannes, der einerseits ein Dichter ist, der die Schönheit der Welt in sich aufsaugt, andererseits aber auch ein Raubtier, das die Natur ausbeutet und ihr ihre Geheimnisse entreißt. Es ist eine Kritik an der menschlichen Gier nach Wissen und Macht, die oft auf Kosten der Natur und anderer Lebewesen geht.

Schlüsselwörter

haus park lag weichen heiliges geheimnis zwang alle

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Stilmittel

Alliteration
Sommernachts, wenn Mondlicht auf den weichen Fluten spielte
Bildsprache
Sein Haus, mit Werken hoher Kunst geschmückt, umgab ein Park, in dem die schönsten Vögel, die Nord und Süd gebiert, ihr Preislied sangen
Hyperbel
den lavaroten Krater, weiße Gletscher, den goldnen Mittag, die Johannisnacht, die Sphinx
Kontrast
Ein zärtlich Lächeln lag um seinen Mund, in seinen scheuen märchentiefen Augen, den weichen Kinderaugen; und doch war ein Tiger dieser Mensch
Metapher
Er kleidete in weiche Seide sich
Personifikation
daß sie ihr innerstes Geheimnis ihm ins lauschbegierige Ohr bekannten
Symbolik
der Purpurtrank, den seine Lippen schlürften: rauchend Blut
Vergleich
dem Adler gleich, der die gewonnene Beute zur Sonne trägt