In Flut und Licht
1918Hinaus aufs Meer! die glatten Wellen funkeln. Froh durch des Gartens saftige Bukette, Darin im Licht die Rosen röter dunkeln.
Es knirscht der Ufersand am Landungsbrette: Hurra, mein Boot! ihr braunlackierte Planken, Du ungeduldig Tanzboot an der Kette,
Dir schlägt der Schaum die schmalgewölbten Flanken; Vertrauter Seegenosse, du mein Freund, Wie manche Wetterfahrt kann ich dir danken;
Bin auch wie du von Brand und Salz gebräunt. Die Riemen raus und uferab gestrebt Mit kräft′gem Schlag – vom Gartengrün umzäunt
Winkt wärmeflimmernd weiß das Haus und schwebt Auf prallbemaltem heißen Uferstriche: Ein Bild von Herdlichkeit, doch erdgeklebt.
Nun Ärmel aufgekrempt; die mittagliche Vorm durst′gen Blick weitoffne Flut gewinnen, Die hin und her sich wirft im Sonnenstiche.
Getauchte Ruder ächzen in den Pinnen, Ein salzgewürzter Wind springt herrlich auf, Läßt sprühend Schaumgespritz vom Buge rinnen.
Glückheißer Tag! leuchtblau emporgerundet – Darein die braune Stirn, die Brust getaucht Und lichtflutvoll sich atmend froh gesundet.
O wie mit jedem Ruck, von Kraft gestaucht, Der Horizont sich immer größer weitet – Die weißen Wolken blühn, das Wasser raucht –
Lichtmeer ist über Wassermeer gebreitet – Ich zieh die glanzbeströmten Ruder ein Und horch wie unterm Kiel das Wasser gleitet,
Wie in den hohen königlichen Schein, Wie in das große Wolkensausen oben Das kühle Glucksen zärtlich singt hinein.
Fanfaren schmettern Göttertag da droben, Umarmend, ewigkeitlich unbewußt – O Meer, o Himmel, Licht in Licht gehoben!
O Mensch, entblöße glücklich deine Brust! Wirf ab, wirf ab das Kleid, so grau und trennend, Stürz ein in diese unsagbare Lust!
O nun ich nackt, mitbrausend und mitbrennend, Bestürm ich denkend, singend, brünstig dich, Dich Gott und Tagerleuchter, Vater nennend.
Wie wüßt ich diesem Glück, so sonderlich, Denn andern vollen Namen als den deinen, Der alle Dinge wärmet väterlich.
Du willst auch gütig jetzt um mich, den einen, Der kam vom flachen Ufer Mann und arm, Mit diesem reichen Augenblick vereinen.
Ich bin umweht in himmlischem Alarm, Und staune blind, o Herr, in dieses Licht, Dein Odem trieft von meiner Brust so warm,
Ich hebe Mund und Stirn, und seh dich nicht… Und glaube doch dich her zu mir im Leuchten, Dein Sohn von Angesicht zu Angesicht.
Halt weich und fest den in die Knie Gebeugten, Der ungeborn dir schon am Busen lag – Ich fühle Strahlenschimmer mich umfeuchten,
Fühl deines Sonneherzens Flügelschlag Die tausendporenoffne Haut mir streifen, Fühl eine Vaterhand durch diesen Tag
Nach meinem tanzgewiegten Herzen greifen Und Heiterkeit mit tausend Tönen flügeln Und Aufgehobenheit ins Höchste schweifen.
Du hältst mich immer wieder über Hügeln, Gesang, mein Gott, aus Dämmern und Beschwerde – Du kannst zum Guten alles in mir zügeln!
Ich fühle wie ich kindlich, göttlich werde! Ich liebe dich, mein Vater, gut und grau, Mit Meer und Tag und diesem Glanz der Erde!
Allum in Luft und Flut braust Wolkenblau –
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Interpretation
Das Gedicht "In Flut und Licht" von Gerrit Engelke beschreibt die Erfahrung eines Menschen, der sich auf das Meer begibt und dabei eine tief spirituelle Verbindung zur Natur und zum Göttlichen erfährt. Der Sprecher verlässt das Land und das Haus, das als Symbol für Herdlichkeit und Erdgebundenheit steht, um sich auf das weite Meer zu begeben. Dort wird er von der Sonne und dem Salzwasser gebräunt und fühlt sich eins mit seinem Boot und dem Meer. Der zweite Teil des Gedichts beschreibt die intensive Erfahrung des Ruderns auf dem Meer, bei der der Horizont sich immer weiter öffnet und der Sprecher von der Schönheit und Kraft der Natur überwältigt wird. Das Meer und der Himmel werden als ein einziges Lichtmeer dargestellt, in das sich der Sprecher nackt und unbeschwert stürzt. Er fühlt sich eins mit dem Göttlichen und nennt das Meer, den Himmel und das Licht "Gott und Tagerleuchter, Vater". Im letzten Teil des Gedichts kommt der Sprecher zu einem tiefen Verständnis seiner Beziehung zum Göttlichen. Er fühlt sich als Sohn Gottes, der von ihm gehalten, gestreichelt und getröstet wird. Er erkennt, dass alles Gute in ihm vom Göttlichen kommt und dass er selbst kindlich und göttlich wird durch diese Erfahrung. Das Gedicht endet mit der Feststellung, dass der Sprecher die ganze Welt in ihrer Schönheit und Einheit liebt, als Ausdruck der Liebe zum Göttlichen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Metapher
- Allum in Luft und Flut braust Wolkenblau
- Personifikation
- Dir schlägt der Schaum die schmalgewölbten Flanken