In die Ferne

Joseph Christian von Zedlitz

1859

Nachtvertraute Liebesklagen Send’ ich meiner Freundin zu; Eile Kund’ ihr anzusagen, Mond, gefäll’ger Bote du; Jedes Wort aus ihrem Munde, Jede selige Sekunde Glüht in meiner Phantasie, Meine Seele denkt nur !

Traget, Wolken, traget, Sterne, Meinen Gruß! Verschwiegne Luft, Sag’ ihr, daß der Sänger, ferne, Ihren holden Namen ruft. Tönt er überall nicht wieder, Sind verhaßt mir meine Lieder, Klanglos, ohne Harmonie: Mich begeistern kann nur !

Ob das Glück mir seine Krone, Reichthum mir sein Füllhorn beut; Ob die Welt zum Dichterlohne Einen Lorbeerzweig mir weiht: Gold und Ehre, eitler Schimmer, Euern Glanz begehr’ ich nimmer, Eure Kränze wünsch’ ich nie; Mich beglücken kann nur !

Nicht der frohe Ton des Lebens Weckt des Busens Wiederhall; Freud’ und Lust, ihr ruft vergebens, Nicht’ge Töne, leerer Schall! Ach, dahin sind Wonnen, Freud’ ist längst zerronnen, Der die Liebe Farben lieh; Freude geben kann nur !

Glühe immerhin, Verlangen, Tief im Herzen sonder Ruh’, Sehnsucht, halte mich gefangen, Nage, nage immerzu! So wie du kein Pfeil verletzet, ’s ist kein Schwert, das also schmerzet; Tödte! – heilen wirst du nie! Ach mich heilen kann nur ! –

Augensterne mild und helle, Seidenlocken, fließend Gold, Schnee des Halses, Busens Welle, Zarte Hände, bleibt mir hold! Warme Lippen, rosigsüße, Sänger schickt euch tausend Küsse, Täuscht mich nimmer! – Täuschen – Wie? Wer ist wahrhaft, wenn nicht ?

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Illustration zu In die Ferne

Interpretation

Das Gedicht "In die Ferne" von Joseph Christian von Zedlitz handelt von der tiefen Sehnsucht und Liebe eines lyrischen Ichs zu seiner Freundin. Das lyrische Ich sendet seine Liebesklagen in die Ferne und bittet den Mond, als Bote zu seiner Freundin zu eilen. Jedes Wort und jede Sekunde mit ihr glüht in seiner Phantasie, und seine Seele denkt nur an sie. Das lyrische Ich wünscht sich, dass Wolken und Sterne seinen Gruß tragen und die verschollene Luft seiner Freundin sagt, dass der Sänger, auch wenn er fern ist, ihren Namen ruft. Ohne sie sind seine Lieder verhasst und klanglos, ohne Harmonie. Nur sie kann ihn begeistern und beglücken. Das lyrische Ich betont, dass weder Glück noch Reichtum noch Ehre ihn glücklich machen können. Gold und Ehre, eitler Schimmer, werden nicht begehrt, und Lorbeerkränze werden nicht gewünscht. Nur die Liebe zu seiner Freundin kann ihn beglücken. Die Freuden des Lebens und der Trost der Welt können seinen Busen nicht erwecken. Nur die Liebe kann ihm Freude geben. Das lyrische Ich sehnt sich nach seiner Freundin und bittet die Sehnsucht, ihn gefangen zu halten und immer weiter zu nagen. Es gibt kein Schwert, das so sehr schmerzt wie die Sehnsucht. Es wünscht sich, von ihr getötet zu werden, denn sie kann ihn nie heilen. Die Augen, Haare, der Hals, der Busen und die Hände seiner Freundin bleiben ihm hold. Er schickt ihr tausend Küsse und bittet sie, ihn nicht zu täuschen. Wer ist wahrhaft, wenn nicht sie?

Schlüsselwörter

kann traget sänger ruft gold nimmer nie busens

Wortwolke

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Stilmittel

Anapher
Jedes Wort aus ihrem Munde, Jede selige Sekunde
Apostrophe
Mond, gefäll'ger Bote du
Hyperbel
Meine Seele denkt nur
Metapher
Wer ist wahrhaft, wenn nicht ?
Personifikation
Gold und Ehre, eitler Schimmer