In der Sistine
1898In der Sistine dämmerhohem Raum, Das Bibelbuch in seiner nervgen Hand, Sitzt Michelangelo in wachem Traum, Umhellt von einer kleinen Ampel Brand.
Laut spricht hinein er in die Mitternacht, Als lauscht′ ein Gast ihm gegenüber hier, Bald wie mit einer allgewaltgen Macht, Bald wieder wie mit seinesgleichen schier:
“Umfasst, umgrenzt hab ich dich, ewig Sein, Mit meinen grossen Linien fünfmal dort! Ich hüllte dich in lichte Mäntel ein Und gab dir Leib, wie dieses Bibelwort.
Mit wehnden Haaren stürmst du feurigwild Von Sonnen immer neuen Sonnen zu Für deinen Menschen bist in meinem Bild Entgegenschwebend und barmherzig du!
So schuf ich dich mit meiner nichtgen Kraft: Damit ich nicht der grössre Künstler sei, Schaff mich - ich bin ein Knecht der Leidenschaft - Nach deinem Bilde schaff mich rein und frei!
Den ersten Menschen formtest du aus Ton, Ich werde schon von härterm Stoffe sein, Da, Meister, brauchst du deinen Hammer schon. Bildhauer Gott, schlag zu! Ich bin der Stein.”
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Interpretation
Das Gedicht "In der Sistine" von Conrad Ferdinand Meyer schildert Michelangelo, wie er in der Sixtinischen Kapelle sitzt und mit Gott selbst in einen intensiven Dialog tritt. In dieser nächtlichen Szene, beleuchtet von einer kleinen Lampe, ringt Michelangelo mit seiner Rolle als Künstler und Schöpfer. Er preist seine eigenen Werke an der Decke der Kapelle, die er als Umrahmung und Verleiblichung des ewigen Seins versteht, und sieht in ihnen eine göttliche Barmherzigkeit. Doch gleichzeitig stellt sich Michelangelo selbst in Frage und fordert Gott heraus. Er bittet Gott, ihn nach seinem eigenen Bild zu schaffen, rein und frei, um nicht selbst zum größeren Künstler zu werden. Michelangelo erkennt seine Leidenschaft und Begrenztheit an, im Gegensatz zu Gottes unendlicher Macht. Er vergleicht sich selbst mit dem ersten Menschen, den Gott aus Ton formte, und bittet Gott, ihn aus härterem Stoff zu formen, bereit für den Hammerschlag des göttlichen Bildhauers. Das Gedicht reflektiert auf eindringliche Weise die Spannung zwischen menschlicher Kreativität und göttlicher Schöpfung. Michelangelo sieht sich selbst als Werkzeug Gottes, das doch auch eine eigene künstlerische Kraft entfaltet. Die Bitte, nach Gottes Bild geschaffen zu werden, unterstreicht die Demut des Künstlers und sein Streben nach Reinheit und Freiheit. Gleichzeitig zeigt sie die Ambivalenz der künstlerischen Schöpfung, die sowohl göttlich inspiriert als auch menschlich begrenzt ist.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Anrede
- Bildhauer Gott, schlag zu! Ich bin der Stein.
- Anspielung
- Mit meinen grossen Linien fünfmal dort
- Bildsprache
- Ich hüllte dich in lichte Mäntel ein
- Hyperbel
- Umfasst, umgrenzt hab ich dich, ewig Sein
- Kontrast
- Bald wie mit einer allgewaltgen Macht, Bald wieder wie mit seinesgleichen schier
- Metapher
- Mit wehnden Haaren stürmst du feurigwild
- Personifikation
- Als lauscht' ein Gast ihm gegenüber hier
- Symbolik
- Ich werde schon von härterm Stoffe sein