In der Sistina
1879In der Sistine dämmerhohem Raum, Das Bibelbuch in seiner nervgen Hand, Sitzt Michelangelo in wachem Traum, Umhellt von einer kleinen Ampel Brand.
Laut spricht hinein er in die Mitternacht, Als lauscht’ ein Gast ihm gegenüber hier, Bald wie mit einer allgewaltgen Macht, Bald wieder wie mit seinesgleichen schier:
“Umfasst, umgrenzt hab ich dich, ewig Sein, Mit meinen grossen Linien fünfmal dort! Ich hüllte dich in lichte Mäntel ein Und gab dir Leib, wie dieses Bibelwort.
Mit wehnden Haaren stürmst du feurigwild Von Sonnen immer neuen Sonnen zu Für deinen Menschen bist in meinem Bild Entgegenschwebend und barmherzig du!
So schuf ich dich mit meiner nichtgen Kraft: Damit ich nicht der grössre Künstler sei, Schaff mich - ich bin ein Knecht der Leidenschaft - Nach deinem Bilde schaff mich rein und frei!
Den ersten Menschen formtest du aus Ton, Ich werde schon von härterm Stoffe sein, Da, Meister, brauchst du deinen Hammer schon. Bildhauer Gott, schlag zu! Ich bin der Stein.”
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Interpretation
Das Gedicht "In der Sistina" von Conrad Ferdinand Meyer zeigt Michelangelo in der Sixtinischen Kapelle, wie er in einer Nacht voller Inspiration und Selbstreflexion arbeitet. Die düstere Atmosphäre des Raumes wird durch das Licht einer kleinen Lampe erhellt, das den Künstler in einen Zustand versetzt, in dem er laut zu sich selbst spricht, als ob ein unsichtbarer Gast anwesend wäre. Michelangelo reflektiert über sein Werk und seine Rolle als Künstler, indem er sich mit der göttlichen Schöpfung vergleicht und seine eigenen Schöpfungen als Ausdruck ewigen Seins betrachtet. In seiner Selbstbetrachtung erkennt Michelangelo die Größe seiner Linien und die Kraft, mit der er das Ewige in seinen Bildern eingefangen hat. Er sieht sich selbst als Diener der Leidenschaft, der nach dem Bild Gottes schaffen möchte, jedoch zugleich demütig genug ist, um zu erkennen, dass er nicht der größere Künstler sein kann. Der Künstler fordert Gott auf, ihn nach seinem eigenen Bild zu schaffen, rein und frei, und vergleicht sich selbst mit dem ersten Menschen, den Gott aus Ton formte. Michelangelo sieht sich als härteren Stoff, der des Hammers bedarf, und bittet Gott, den Bildhauer, zuzuschlagen, denn er ist der Stein, der geformt werden will. Die Interpretation des Gedichts endet mit der Erkenntnis, dass Michelangelo in einem tiefen kreativen Prozess gefangen ist, der ihn sowohl erhebt als auch demütigt. Er versteht sich als Teil eines größeren Ganzen, als Künstler, der von göttlicher Inspiration geleitet wird, aber auch als Mensch, der der Formung und dem Wachstum bedarf. Das Gedicht zeichnet ein Bild des Künstlers als eines leidenschaftlichen Schöpfers, der in der Nacht der Selbstreflexion nach der Vollendung seiner selbst und seines Werkes strebt.
Schlüsselwörter
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Stilmittel
- Metapher
- Bildhauer Gott, schlag zu! Ich bin der Stein
- Personifikation
- Laut spricht hinein er in die Mitternacht, Als lauscht' ein Gast ihm gegenüber hier