In der Osternacht
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Süß duftet und leise atmet Draußen die Osternacht, Ruhig träumen die Gassen, Vom blauen Monde bewacht.
Die dürren Zweige der Linde Wiegen und schwanken im Wind, Und durch die schauernden Lüfte Das Blut des Frühlings rinnt.
Die Glocken tönen und läuten Leise ins stille Gemach, Sie läuten und rufen den Frühling Im klopfenden Busen wach.
Und von den Blättern der Bibel Hebe ich träumend mein Haupt, - Und schaue des Heilands Augen, Den längst ich gestorben geglaubt.
Ich sehe die roten Wunden Und den bleichen, friedlichen Mund, Und um die Schläfe geflochten Der Dornen blutigen Bund.
Ich trinke von seinen Augen Der Tränen schmerzliche Glut, … Und fühle, wie sanft seine Rechte Auf meinem Haupte ruht…
Unnahbar unendliche Gottheit, Sind′s wilde Schmerzen allein, Die von dir reden und zeugen Und deinem göttlichen Sein?
Sind′s nur die Schauer des Todes, Aus denen dein Mund uns spricht, Und strahlt nicht auch leuchtend im Frühling Dein himmlisches Angesicht?
Die Glocken tönen und läuten, Es webt und quillt in der Luft, Rings flüstert ein süßer Zauber, Und strömt ein Rosenduft.
Durch meine Seele ergießt sich′s Wie lodernder Rosenschein… Du süße, du schöne, du hohe Geliebte, da dachte ich dein!
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Interpretation
Das Gedicht "In der Osternacht" von Wilhelm Arent beschreibt die poetische Erfahrung einer Person in der Osternacht, in der sie eine spirituelle Erleuchtung erfährt. Die Person befindet sich in einem Zustand der Träumerei und wird von den Glocken und dem süßen Duft des Frühlings in ihren Bann gezogen. Sie hebt ihren Kopf von der Bibel und sieht den Heiland, den sie für tot gehalten hatte, mit seinen roten Wunden und seinem bleichen, friedlichen Mund. Die Person fühlt sich von der Gottheit angezogen und fragt sich, ob es nur die wilden Schmerzen sind, die von ihr sprechen und ihr göttliches Sein bezeugen. Sie fragt sich auch, ob es nur die Schauer des Todes sind, aus denen ihr Mund spricht, oder ob auch im Frühling ihr himmlisches Antlitz strahlt. Die Glocken läuten weiterhin und ein süßer Zauber webt und quillt in der Luft. Ein Rosenduft strömt umher und durch die Seele der Person ergießt sich ein lodernder Rosenschein. Am Ende des Gedichts denkt die Person an ihre Geliebte, die als süß, schön und hoch beschrieben wird.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Sie läuten und rufen den Frühling Im klopfenden Busen wach
- Anrede
- Du süße, du schöne, du hohe Geliebte, da dachte ich dein
- Bildsprache
- Rings flüstert ein süßer Zauber, Und strömt ein Rosenduft
- Metapher
- Durch meine Seele ergießt sich's Wie lodernder Rosenschein
- Personifikation
- Die Glocken tönen und läuten, Es webt und quillt in der Luft
- Rhetorische Frage
- Sind's nur die Schauer des Todes, Aus denen dein Mund uns spricht, Und strahlt nicht auch leuchtend im Frühling Dein himmlisches Angesicht?