Logo der Website, Schriftzug "Poesie Oase" mit Palmen umrandet.
, , , , , , , , ,

In der Osternacht

Von

1881

Süß duftet und leise atmet
Draußen die Osternacht,
Ruhig träumen die Gassen,
Vom blauen Monde bewacht.

Die dürren Zweige der Linde
Wiegen und schwanken im Wind,
Und durch die schauernden Lüfte
Das Blut des Frühlings rinnt.

Die Glocken tönen und läuten
Leise ins stille Gemach,
Sie läuten und rufen den Frühling
Im klopfenden Busen wach.

Und von den Blättern der Bibel
Hebe ich träumend mein Haupt, –
Und schaue des Heilands Augen,
Den längst ich gestorben geglaubt.

Ich sehe die roten Wunden
Und den bleichen, friedlichen Mund,
Und um die Schläfe geflochten
Der Dornen blutigen Bund.

Ich trinke von seinen Augen
Der Tränen schmerzliche Glut, …
Und fühle, wie sanft seine Rechte
Auf meinem Haupte ruht…

Unnahbar unendliche Gottheit,
Sind′s wilde Schmerzen allein,
Die von dir reden und zeugen
Und deinem göttlichen Sein?

Sind′s nur die Schauer des Todes,
Aus denen dein Mund uns spricht,
Und strahlt nicht auch leuchtend im Frühling
Dein himmlisches Angesicht?

Die Glocken tönen und läuten,
Es webt und quillt in der Luft,
Rings flüstert ein süßer Zauber,
Und strömt ein Rosenduft.

Durch meine Seele ergießt sich′s
Wie lodernder Rosenschein…
Du süße, du schöne, du hohe
Geliebte, da dachte ich dein!

Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Gedicht: In der Osternacht von Wilhelm Arent

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „In der Osternacht“ von Wilhelm Arent ist eine tiefgründige Reflexion über den Glauben, die Auferstehung Christi und die Verbindung von Natur und Spiritualität. Das Gedicht beginnt mit der Beschreibung einer idyllischen Osternacht, in der eine friedliche, fast schon träumerische Atmosphäre herrscht. Die Natur wird lebendig dargestellt, mit sanften Bewegungen der Bäume und dem „Blut des Frühlings“, das durch die Luft rinnt. Die Glocken, die das Erwachen des Frühlings ankündigen, wecken auch spirituelle Gefühle im Herzen des Sprechers.

Der zweite Teil des Gedichts nimmt eine persönlichere Note an. Der Sprecher, vermutlich der Dichter selbst, blickt in die Bibel und sieht die Augen des Heilands, den er lange Zeit für tot gehalten hatte. Die Beschreibung der Wunden Christi und der Dornenkrone erzeugt eine intensive, beinahe körperliche Wahrnehmung des Leidens. Durch das Trinken der Tränen Jesu empfindet der Sprecher Trost und Geborgenheit, was durch die sanfte Berührung auf seinem Haupt verstärkt wird. Diese intime Begegnung unterstreicht die persönliche Beziehung des Sprechers zu seinem Glauben.

Der dritte Teil des Gedichts wirft eine philosophische Frage auf: Ist es nur das Leid, das von Gott zeugt, oder gibt es auch die Schönheit des Frühlings und des Himmels in der göttlichen Erfahrung? Diese Frage deutet auf eine Auseinandersetzung mit dem traditionellen Verständnis von Religion hin, das oft Leid und Opfer betont. Der Sprecher sucht nach einem umfassenderen Bild Gottes, das sowohl das Leiden als auch die Freude und Schönheit umfasst, die die Natur und der Frühling verkörpern.

Das Gedicht endet mit einer Rückkehr zur äußeren Welt, die sich nun mit der inneren Erfahrung des Sprechers verbindet. Die Glocken läuten, ein „süßer Zauber“ flüstert und Rosenduft strömt durch die Luft. Der Sprecher erlebt einen Zustand der Ekstase, der sich in der Zeile „Du süße, du schöne, du hohe / Geliebte, da dachte ich dein!“ entlädt. Dieser Ausruf kann als Ausdruck der Liebe zu Gott, zur Natur oder zu einer geliebten Person interpretiert werden. Das Gedicht endet somit mit einer Verschmelzung von spiritueller Erfahrung, Naturbeobachtung und dem Erleben von Schönheit, die den Kern des Frühlingsgefühls ausmacht.

Weitere Informationen

Hier finden sich noch weitere Informationen zu diesem Gedicht und der Seite.

Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.