Immer zu
1807Gestern, ah! das war ein Schweben, Als zum Tanz die Hand sie gab! Ueber Stock und Steine streben Muß ich heut am Wanderstab.
Gestern glänzten weiße Brüste, Die ein tiefes Athmen hob, Heute starren in der Wüste Felsenblöcke rauh und grob.
Gestern noch mit heißen Küssen Deckte mich ihr weicher Mund, Heut von scharfer Dorne Rissen Trag’ ich Hand und Wange wund.
Gestern löste mir die Glieder Süßer Liebe Feuertrank, Heute lieg’ ich frierend nieder Auf des Erdgrunds harte Bank.
Auf! Frischauf und nicht gezaget! Weiter in die Welt hinein! Immer zu und frisch gewaget, Heute darf nicht gestern sein!
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Interpretation
Das Gedicht "Immer zu" von Friedrich Theodor Vischer beschreibt den Kontrast zwischen einem vergangenen Moment voller Liebe und Leidenschaft und der gegenwärtigen Realität von Entbehrung und Härte. Der Sprecher reflektiert über gestern, als er im Rausch der Liebe schwebte und die Hand seiner Geliebten zum Tanz nahm. Doch heute muss er sich mühsam vorwärtsbewegen, gestützt auf seinen Wanderstab, und sich durch steiniges Gelände kämpfen. Der Kontrast zwischen gestern und heute wird durch die Beschreibung der körperlichen Erfahrungen verdeutlicht. Gestern waren die Brüste der Geliebten weiß und hoben sich bei jedem tiefen Atemzug, während heute raue Felsenblöcke in der Wüste starren. Gestern bedeckten heiße Küsse den Mund des Sprechers, heute trägt er Wunden an Hand und Wange von scharfen Dornen. Die süße Liebesfeuerbrunst von gestern hat den Sprecher kraftlos gemacht, während er heute frierend auf dem harten Boden liegt. Trotz der Härte der Gegenwart ermutigt der Sprecher sich selbst, weiterzugehen und nicht zurückzublicken. Er ruft sich zu, mutig in die Welt hinauszugehen und stets neue Herausforderungen anzunehmen. Das Gedicht endet mit der Feststellung, dass heute nicht gestern sein darf, was bedeutet, dass man die Vergangenheit loslassen und sich auf die Gegenwart und Zukunft konzentrieren muss.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Anapher
- Gestern / Heute / Gestern / Heute / Gestern / Heute / Gestern / Heute
- Gegenüberstellung
- Gestern löste mir die Glieder / Süßer Liebe Feuertrank, / Heute lieg' ich frierend nieder / Auf des Erdgrunds harte Bank.
- Gleichnis
- Gestern, ah! das war ein Schweben, / Als zum Tanz die Hand sie gab! / Ueber Stock und Steine streben / Muß ich heut am Wanderstab.
- Imperativ
- Auf! Frischauf und nicht gezaget! / Weiter in die Welt hinein! / Immer zu und frisch gewaget, / Heute darf nicht gestern sein!
- Kontrast
- Gestern noch mit heißen Küssen / Deckte mich ihr weicher Mund, / Heut von scharfer Dorne Rissen / Trag' ich Hand und Wange wund.
- Metapher
- Gestern glänzten weiße Brüste, / Die ein tiefes Athmen hob, / Heute starren in der Wüste / Felsenblöcke rauh und grob.