Immer zu
Gestern, ah! das war ein Schweben,
Als zum Tanz die Hand sie gab!
Ueber Stock und Steine streben
Muß ich heut am Wanderstab.
Gestern glänzten weiße Brüste,
Die ein tiefes Athmen hob,
Heute starren in der Wüste
Felsenblöcke rauh und grob.
Gestern noch mit heißen Küssen
Deckte mich ihr weicher Mund,
Heut von scharfer Dorne Rissen
Trag‘ ich Hand und Wange wund.
Gestern löste mir die Glieder
Süßer Liebe Feuertrank,
Heute lieg‘ ich frierend nieder
Auf des Erdgrunds harte Bank.
Auf! Frischauf und nicht gezaget!
Weiter in die Welt hinein!
Immer zu und frisch gewaget,
Heute darf nicht gestern sein!
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Immer zu“ von Friedrich Theodor Vischer handelt von der Diskrepanz zwischen vergangenen Glücksmomenten und den Herausforderungen der Gegenwart, wobei es gleichzeitig zur Aktivität und zum Fortschritt aufruft. Die anfängliche Sehnsucht nach der Vergangenheit, repräsentiert durch das „Gestern“, wird in lebhaften Bildern von Tanz, Schönheit und Liebe dargestellt. Diese Idylle steht im krassen Gegensatz zur rauen Realität der Gegenwart, die durch das „Heute“ verkörpert wird, mit ihren Widrigkeiten wie Wanderstab, Felsen, Dornen und der kalten Erde.
Die ersten vier Strophen zeichnen ein klares Bild des Kontrasts zwischen dem Verlangen nach dem Glück der Vergangenheit und der Härte der aktuellen Situation. Die Metaphern, wie „Schweben“ und „weiße Brüste“, stehen für die Leichtigkeit und Freude, die mit der Liebe und dem Tanz verbunden sind. Dem gegenüber stehen die „Felsenblöcke“ und die „scharfen Dorne“, welche die Anstrengung und die Schmerzen der gegenwärtigen Situation symbolisieren. Auch die erotische Aufladung, die gestern erlebt wurde, wandelt sich in die Kälte und Einsamkeit des „Heute“. Dies wird besonders durch die Worte „friierend nieder“ und „harte Bank“ ausgedrückt.
Die letzte Strophe stellt jedoch einen Bruch dar. Sie dient als Ermutigung und Aufforderung zur aktiven Gestaltung der Zukunft. Die anfängliche Melancholie weicht einer entschlossenen Haltung. Der Imperativ „Auf!“ und die Zeilen „Immer zu und frisch gewaget, / Heute darf nicht gestern sein!“ fordern den Leser dazu auf, sich von der Vergangenheit zu lösen und neue Herausforderungen anzunehmen. Der Dichter ermuntert, das „Gestern“ hinter sich zu lassen und mutig in die Zukunft zu blicken.
Vischer nutzt in diesem Gedicht einen einfachen, aber wirkungsvollen Stil. Die klaren Bilder und der Wechsel von beschreibenden Passagen zu direkten Appellen machen die Botschaft des Gedichts leicht zugänglich und einprägsam. Es ist eine Reflexion über die Vergänglichkeit des Glücks und die Notwendigkeit, sich den unvermeidlichen Veränderungen des Lebens zu stellen. Das Gedicht plädiert für einen aktiven Umgang mit der Gegenwart und eine positive Einstellung zur Zukunft, indem es dazu auffordert, die Herausforderungen anzunehmen und das Leben in vollen Zügen zu leben.
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Lizenz und Verwendung
Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.