Imbiß
Gestern Abend, als mir so ungewohnt
Mein täglicher Imbiß schmeckte,
Geschah es, daß dieser Umstand mir
Ein eigen Gefühl erweckte.
Ich gedachte des mächtigen Appetits,
Den ich in der Jugend besessen,
Und freute mich, daß der Greis auch noch
So kräftig vermöge zu essen.
Thränen der Rührung fühlt‘ ich sogar
Aus dem Auge schleichen und wallen,
Da mußt‘ ich bemerken, daß eine davon
In den Löffel hineingefallen.
Das verschlug mir wieder den Appetit,
Den Löffel riß ich vom Munde
Und schleudert‘ ihn fort in’s Stubeneck,
Die Brühe gab ich dem Hunde.
Doch lachend zog ich dann die Moral:
Ein andermal rühr‘ es dich minder!
Ein Greis, der werde nicht sentimental
Und esse frischweg wie die Kinder!
Den seligen Gellert glaubt‘ ich zu seh’n
Und sagen zu hören: ei, Töffel!
Siehst du, da ist dir Recht gescheh’n,
Drum heule nicht in den Löffel!
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Imbiß“ von Friedrich Theodor Vischer ist eine humorvolle Selbstreflexion über das Älterwerden und die damit einhergehenden Veränderungen im Leben. Es beginnt mit der überraschenden Erkenntnis des lyrischen Ichs, dass ihm sein Abendessen besonders gut schmeckt. Diese ungewohnte Freude löst eine Kette von Gedanken aus, die von jugendlichem Appetit zu der Feststellung der eigenen Alterung und schließlich zu einer kleinen Krise führen.
Der Humor des Gedichts liegt in der Diskrepanz zwischen der zunächst trivialen Situation – ein genüsslicher Imbiss – und den daraus resultierenden, übertriebenen Emotionen. Die Rührung des lyrischen Ichs über seinen eigenen Appetit und die daraus folgenden Tränen sind Ausdruck einer gewissen Sentimentalität, die der Greis offenbar nur schwer kontrollieren kann. Der Höhepunkt dieser Übertreibung ist die Träne, die in den Löffel fällt und ihm den Appetit verdirbt, woraufhin er den Löffel wütend wegwirft und die Suppe dem Hund gibt.
Vischer nutzt diese kleine Anekdote, um eine doppelte Moral zu präsentieren. Zunächst versucht das lyrische Ich, sich selbst zu ermahnen und die Sentimentalität abzulegen, die im Alter offenbar zunimmt. Die zweite Moral wird durch eine imaginäre Begegnung mit dem Dichter Christian Fürchtegott Gellert verstärkt, die den Autor selbst, der als Töffel bezeichnet wird, für sein Verhalten verspottet. Dieser humorvolle Dialog verdeutlicht die Einsicht des lyrischen Ichs in die Absurdität seiner Reaktion und ermutigt ihn, das Leben leichter zu nehmen und die kleinen Freuden des Alltags ohne übertriebene Emotionen zu genießen.
Die Stärke des Gedichts liegt in seiner Leichtigkeit und Direktheit. Vischer vermeidet Pathos und übermäßige Sentimentalität, indem er die Handlung mit einer gewissen Ironie und Selbstironie betrachtet. Die schlichte Sprache und die klaren Reime verstärken den humorvollen Charakter des Gedichts. Es ist eine liebevolle Auseinandersetzung mit dem Älterwerden, die uns daran erinnert, dass man das Leben auch im fortgeschrittenen Alter mit einem Augenzwinkern betrachten kann.
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Lizenz und Verwendung
Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.