Imbiß

Friedrich Theodor Vischer

unknown

Gestern Abend, als mir so ungewohnt Mein täglicher Imbiß schmeckte, Geschah es, daß dieser Umstand mir Ein eigen Gefühl erweckte.

Ich gedachte des mächtigen Appetits, Den ich in der Jugend besessen, Und freute mich, daß der Greis auch noch So kräftig vermöge zu essen.

Thränen der Rührung fühlt’ ich sogar Aus dem Auge schleichen und wallen, Da mußt’ ich bemerken, daß eine davon In den Löffel hineingefallen.

Das verschlug mir wieder den Appetit, Den Löffel riß ich vom Munde Und schleudert’ ihn fort in’s Stubeneck, Die Brühe gab ich dem Hunde.

Doch lachend zog ich dann die Moral: Ein andermal rühr’ es dich minder! Ein Greis, der werde nicht sentimental Und esse frischweg wie die Kinder!

Den seligen Gellert glaubt’ ich zu seh’n Und sagen zu hören: ei, Töffel! Siehst du, da ist dir Recht gescheh’n, Drum heule nicht in den Löffel!

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Illustration zu Imbiß

Interpretation

Das Gedicht "Imbiß" von Friedrich Theodor Vischer handelt von einem älteren Mann, der beim Essen eine Welle der Sentimentalität überkommt. Er erinnert sich an seinen einst mächtigen Appetit in der Jugend und freut sich, dass er auch als Greis noch kräftig essen kann. Diese Rührung führt dazu, dass ihm eine Träne in den Löffel fällt, was seinen Appetit sofort verdirbt. Die darauf folgende Reaktion des Erzählers ist von Selbstironie geprägt. Er wirft den Löffel weg und gibt die Brühe dem Hund, um dann lachend eine moralische Lehre zu ziehen: Ein Greis solle nicht sentimental werden und einfach wie die Kinder essen. Dies unterstreicht die humorvolle und selbstkritische Haltung des Gedichts gegenüber der eigenen emotionalen Verletzlichkeit. Der Verweis auf den "seligen Gellert" am Ende des Gedichts fügt eine zusätzliche Ebene der Ironie hinzu. Gellert, eine historische Figur, wird als spöttische Stimme eingeführt, die den Erzähler dafür tadelt, in den Löffel zu heulen. Dies verstärkt die humorvolle und selbstironische Stimmung des Gedichts und betont die Lektion, die der Erzähler gelernt hat: Sentimentalität beim Essen ist unangebracht und sollte vermieden werden.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Alliteration
Denn Löffel riß ich vom Munde
Anspielung
Den seligen Gellert glaubt' ich zu seh'n Und sagen zu hören: ei, Töffel!
Hyperbel
Ein Greis, der werde nicht sentimental
Ironie
Ein andermal rühr' es dich minder! Ein Greis, der werde nicht sentimental Und esse frischweg wie die Kinder!
Metapher
Ein Greis, der werde nicht sentimental
Personifikation
Thränen der Rührung fühlt' ich sogar Aus dem Auge schleichen und wallen