Imaginärer Lebenslauf

Rainer Maria Rilke

1875

Erst eine Kindheit, grenzenlos und ohne Verzicht und Ziel. O unbewußte Lust. Auf einmal Schrecken, Schranke, Schule, Frohne und Absturz in Versuchung und Verlust.

Trotz. Der Gebogene wird selber Bieger und rächt an anderen, daß er erlag. Geliebt, gefürchtet, Retter, Ringer, Sieger und Überwinder, Schlag auf Schlag.

Und dann allein im Weiten, Leichten, Kalten. Doch tief in der errichteten Gestalt ein Atemholen nach dem Ersten, Alten…

Da stürzte Gott aus seinem Hinterhalt.

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Illustration zu Imaginärer Lebenslauf

Interpretation

Das Gedicht "Imaginärer Lebenslauf" von Rainer Maria Rilke beschreibt den Lebensweg eines Menschen von der Kindheit bis zum Erwachsenenalter. Die erste Strophe schildert die unbeschwerte Kindheit, die plötzlich durch Schrecken, Schranken und Versuchungen unterbrochen wird. Die zweite Strophe thematisiert die Reaktion des Menschen auf diese Herausforderungen: Er wird selbst zum Bieger und rächt sich an anderen für seine Niederlagen. Er durchlebt verschiedene Phasen des Lebens und überwindet sie Schlag auf Schlag. Die dritte Strophe beschreibt das einsame Dasein des Erwachsenen, der tief in seiner errichteten Gestalt nach dem Ersten, Alten atmet. Die letzte Strophe deutet an, dass Gott plötzlich in das Leben des Menschen eingreift und ihn aus seiner Einsamkeit reißt. Das Gedicht zeigt den Lebensweg als einen Prozess des Werdens und Reifens, der von Herausforderungen und Verlusten geprägt ist. Die Kindheit wird als eine Zeit der unbewussten Lust und des grenzenlosen Wachstums beschrieben, die durch die Schule und die Erfahrung von Versuchungen und Verlusten unterbrochen wird. Der Mensch reagiert auf diese Herausforderungen mit Trotz und Rache, indem er selbst zum Bieger wird und andere für seine Niederlagen bestraft. Er durchlebt verschiedene Phasen des Lebens und überwindet sie Schlag auf Schlag, bis er schließlich allein im Weiten, Leichten und Kalten dasteht. Doch tief in seiner errichteten Gestalt atmet er nach dem Ersten, Alten, was auf eine Sehnsucht nach dem Ursprung und der Unschuld der Kindheit hindeutet. Am Ende stürzt Gott aus seinem Hinterhalt und greift in das Leben des Menschen ein, was auf eine mögliche Erlösung oder Erleuchtung hindeutet.

Schlüsselwörter

schlag erst kindheit grenzenlos verzicht ziel unbewußte lust

Wortwolke

Wortwolke zu Imaginärer Lebenslauf

Stilmittel

Alliteration
Schrecken, Schranke, Schule, Frohne
Bildlichkeit
Und dann allein im Weiten, Leichten, Kalten.
Gegensatz
Doch tief in der errichteten Gestalt ein Atemholen nach dem Ersten, Alten...
Metapher
Erst eine Kindheit, grenzenlos und ohne Verzicht und Ziel.
Parallelismus
Geliebt, gefürchtet, Retter, Ringer, Sieger und Überwinder, Schlag auf Schlag.
Personifikation
Da stürzte Gott aus seinem Hinterhalt.