Im Winter

Anastasius Grün

1876

O Mädchen, das sie hier begraben, Halb Jungfrau schon und noch halb Kind, Einst konnte mich dein Anblick laben, Wie eine Frühlingslandschaft lind.

Vorsprudelnd, wie der Bergquell, flogen Einst in die Welt die Worte dein, Demanten stäubend, Regenbogen! Und doch so hell, gesund und rein!

Wie Rehlein wagten deine Blicke Heran neugierig, arglos sich; Scheu flohn, wie jene, sie zurücke, Wenn nur von fern ein Laurer schlich.

Dir spielten, wogten die Gefühle, Wie junge Saat, so leichtbewegt, Die in sich schon der Keime viele Zu Blüth′ und edlem Kerne trägt.

Umflog ein jungfräulich Erröthen Dir leis dein lieblich Angesicht, Wie Frühroth war′s auf Blumenbeeten, Das einen sonn′gen Tag verspricht.

Und jauchztest du des Frohsinns Klänge, War mir′s, als hört′ ich über mir Heimzieh′nder Wandervögel Sänge Von Südens schönem Lenzrevier.

Und ließest Liebeswort′ du gleiten Zu deinem greisen Vater, lag Im Ohre mir′s wie Glockenläuten An einem schönen Gottestag.

Gedenk′ ich dein, seh′ ich noch immer In eine Frühlingslandschaft mild, Darauf der Abendröthe Schimmer Im Scheidegruße sanft verquillt.

Darüber Abendglockentöne, Daß mir′s von Sternennächten ahnt; Darüber segelnd gold′ne Schwäne Nach einem fernen Südenland.

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Illustration zu Im Winter

Interpretation

Das Gedicht "Im Winter" von Anastasius Grün ist eine melancholische Erinnerung an ein junges Mädchen, das bereits verstorben ist. Der Sprecher erinnert sich an die Unschuld und Schönheit des Mädchens, das wie eine Frühlingslandschaft war. Er beschreibt ihre Worte als sprudelnd und rein wie ein Bergquell und ihre Blicke als neugierig und scheu wie die eines Rehs. Die Gefühle des Mädchens waren wie junge Saat, leicht bewegt und voller Potenzial. Ihre Erröten waren wie der Morgenrot auf Blumenbeeten, das einen sonnigen Tag verspricht. Die Freude des Mädchens war wie der Gesang ziehender Vögel, der an den schönen Lenz aus dem Süden erinnert. Ihre Liebesworte für ihren greisen Vater waren wie das Läuten von Glocken an einem schönen Feiertag. Der Sprecher sieht das Mädchen immer noch in einer sanften Frühlingslandschaft, über die der Schimmer des Abendrots sanft verblasst. Über dieser Landschaft ertönen Abendglockentöne, die ihn an sternenklare Nächte erinnern. Goldene Schwäne segeln über die Landschaft hinweg in ein fernes Südenland. Das Gedicht ist eine Ode an die Schönheit und Unschuld der Jugend, die durch den Tod des Mädchens verloren gegangen ist. Der Sprecher erinnert sich an die Freude und das Potenzial, das das Mädchen in sich trug, und vergleicht sie mit den schönen Aspekten der Natur wie Frühlingslandschaften, Bergquellen und ziehende Vögel. Das Gedicht endet mit einem Bild von goldenen Schwänen, die in ein fernes Südenland segeln, was als Metapher für den Tod des Mädchens interpretiert werden kann.

Schlüsselwörter

halb einst frühlingslandschaft darüber mädchen begraben jungfrau kind

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Liebeswort′ du gleiten
Anspielung
Wie Glockenläuten an einem schönen Gottestag
Bildsprache
Wie junge Saat, so leichtbewegt
Hyperbel
Demanten stäubend, Regenbogen
Metapher
Dein Anblick labt wie eine Frühlingslandschaft
Personifikation
Die Worte flogen dir vor, sprudelnd
Symbolik
Jungfräulich Erröthen wie Frühroth auf Blumenbeeten
Synästhesie
Abendglockentöne, daß mir's von Sternennächten ahnt
Vergleich
Wie Rehlein wagten deine Blicke