Im Weinberg

Hermann Kurz

1834

Die du grünst um meine Klause, Junge hoffnungsvolle Rebe! Da ich in der Jungend brause, Selbst noch in der Hoffnung lebe:

Ist es stets mein fester Glaube, Dass wir beiden liebevollen, Ich und deine zarte Traube, Blutsverwandte werden sollen.

Darum lass’ uns an der Flamme Dieses Sommers wachsen, glühen, Wie Milchbrüder aus der Amme Ein verbundnes Leben ziehen.

Mit durchglühten Lebenssäften Reifen wir zum Herbst allmählig, Im Gefühl von hohen Kräften Schmerzensvoll und tränenselig.

Endlich welken Schmerz und Wonne, Fällt das grüne Laub der Reben, Flieht die heiße Sommersonne Und der Jugend frisches Leben.

Junger Wein! zu deiner Würde Wirst getreten und geschlagen, Und auch ich muss meine Bürde, Erd’ und Himmel muss ich tragen. -

Wann im gärenden Bewegen Sich geläutert jede Welle, Fließen wir dem Ziel entgegen, Ruhig, rein und spiegelhelle.

Nachts, wann leise niederflammen Nur des Himmels ferne Lichter, Blühn und duften wir zusammen, Und du segnest deinen Dichter.

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Illustration zu Im Weinberg

Interpretation

Das Gedicht "Im Weinberg" von Hermann Kurz handelt von einer tiefen Verbundenheit zwischen dem lyrischen Ich und einer jungen Rebe, die um dessen Klause grünt. Der Sprecher sieht in der Rebe ein Symbol der Hoffnung und Jugend, mit der er sich aufgrund der gemeinsamen Lebensfreude und des Wachstums verbunden fühlt. Er glaubt fest daran, dass sie beide, er und die Traube, blutsverwandt werden sollen, da sie beide von derselben Flamme des Sommers angetrieben werden und ein verbundenes Leben führen wie Milchbrüder. Das Gedicht beschreibt den Reifeprozess sowohl der Rebe als auch des lyrischen Ichs, der von intensiven Lebenssäften und einem Gefühl von hohen Kräften geprägt ist. Dieser Prozess ist von Schmerz und Tränen begleitet, was die Mühen und Herausforderungen des Lebens symbolisiert. Im Herbst welken sowohl die Rebe als auch das lyrische Ich, was den Verfall und das Ende der Jugend und des Lebens an sich darstellt. Im letzten Teil des Gedichts wird der junge Wein, der aus der Traube gewonnen wird, als Metapher für das gereifte Leben des lyrischen Ichs verwendet. Der Wein wird getreten und geschlagen, um seine Würde zu erlangen, genau wie das lyrische Ich seine Bürde, die Erde und den Himmel, tragen muss. Am Ende finden beide, der Wein und das lyrische Ich, in der Gärung und Läuterung zu ihrem Ziel, das durch Ruhe, Reinheit und Spiegelhelle symbolisiert wird. In der Nacht, wenn die fernen Lichter des Himmels sanft leuchten, blühen und duften sie zusammen, und der Wein segnet seinen Dichter, was auf eine tiefe spirituelle und künstlerische Erfüllung hindeutet.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Metapher
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Personifikation
Junge hoffnungsvolle Rebe!