Im Walde

Ernst Ziel

1841

Die Luft war lau; die Lerchen sangen; Im Lenzhauch jede Knospe quoll; Da sind wir in den Wald gegangen, Da träumend, ich gedankenvoll. Wir gingen Hand in Hand und lauschten, Wie abendlich die Wipfel rauschten, Und sprachen kaum ein Wort dazu. Doch als von süßem Bann gebunden, Sich heimlich Blick und Blick gefunden, Da sprach ich keck das erste “Du”.

Um Buchenstamm sind wir gesessen; Ich flocht Cyanen dir ins Haar Und küsste dich und sprach vermessen: “Nun bist du mein auf immerdar!” Da bebtest du - ich trank die Kunde, Wie du so lieb mich hast, vom Munde, Vom Munde dir, mein schüchtern Kind; Ich schloss dich fest in meine Arme, Und Liebesworte, innig warme, Vertrauten wir dem Abendwind. - -

Dass ich die Stätte wiederfinde, Wo du fürs Leben wurdest mein, Grub tief ich in die Birkenrinde Ein Herz und unsern Namen ein. - Wie ging so schnell der Tag zur Neige! Ein Rauschen noch in dem Gezweige - Und jeder Klang im Wald verscholl. Es brach die Nacht herein so milde, Wir ginge heimwärts durchs Gefilde, Der freudigen Erkenntnis voll:

Es ist kein Kleinod so voll Segen, Es macht uns nichts so frohgemut, Als in der tiefsten Brust zu hegen Getreuer Liebe köstlich Gut. Sie kommt herab auf unsre Pfade, Wie Lebenstrost, wie Gottesgnade, Oft ungeahnt, mit leisem Schritt; Sie lässt der Freude Ströme rinnen Durch die entzückte Brust tief innen Und bringt uns ew’ge Jugend mit.

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Illustration zu Im Walde

Interpretation

Das Gedicht "Im Walde" von Ernst Ziel beschreibt eine romantische Begegnung im Frühling. Das lyrische Ich und sein Gegenüber begeben sich in den Wald, umgeben von Natur, die den Beginn ihrer Liebe symbolisiert. Die Atmosphäre ist von Zärtlichkeit und Intimität geprägt, wobei sich die beiden zunächst schüchtern annähern, bevor sie mutig ihre Gefühle offenbaren. Die Natur dient als Kulisse für die Entfaltung ihrer Liebe, wobei die Birkenrinde als Zeuge ihrer Verbindung dient. Im zweiten Teil des Gedichts vertieft sich die Beziehung zwischen den Liebenden. Sie sitzen an einem Buchenstamm, und das lyrische Ich schmückt das Haar seines Partners mit Cyanen und bekundet seine ewige Liebe. Die Reaktion des Partners, ein Beben, bestätigt die gegenseitige Zuneigung. Die Liebenden teilen ihre Gefühle durch Worte und Umarmungen, während der Abendwind ihre Liebesbekundungen trägt. Die Nacht bricht herein, und sie kehren nach Hause zurück, erfüllt von der Freude ihrer neu entdeckten Liebe. Im letzten Teil des Gedichts reflektiert das lyrische Ich über die Bedeutung der wahren Liebe. Es betont, dass nichts so segensreich und freudig machend sei wie die Treue und das kostbare Gut der Liebe. Die Liebe wird als göttliche Gnade beschrieben, die unerwartet in das Leben tritt und Freude und ewige Jugend bringt. Die Natur und die Liebe sind eng miteinander verwoben, wobei die Liebe als Quelle des Lebens und der Freude dargestellt wird.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Alliteration
Getreuer Liebe köstlich Gut
Bildsprache
Sie lässt der Freude Ströme rinnen
Hyperbel
Und bringt uns ew'ge Jugend mit
Metapher
Es ist kein Kleinod so voll Segen
Personifikation
Sie kommt herab auf unsre Pfade
Symbolik
Grub tief ich in die Birkenrinde Ein Herz und unsern Namen ein