Im Vorüberfluge

Hermann Conradi

1862

Mit metallhartem Rotgelb Hat sich des Himmels Westliche Wölbung beflammt.

Mein Auge starrt staunend In die leuchtende Blende, Die wachsend fortglüht, Als sei nimmer ihr Ende Die lichtlose Nacht . .

Da streift die brennende Lichtwand ein Fittig – Der nachtschwarze Fittig Eines Dämmerungsvogels . . .

Eine kleine Spanne Und die Weite verschlang ihn.

Also trägt auch der Mensch Mit schwankem Fittig Sein zwielichtbefangenes Sein Vorüber an der stetig leuchtenden Kristallwand der Ewigkeit . . .

Er huscht dahin Ein Traum – ein Wahn – Auf schmaler Bahn So bald – so bald Raubt seiner Gestalt Schattengefüge Des Nichtseins Farblose Wahrheitslüge.

Aber im Fluge – Im Vorüberfluge – Ahnt er das Rätsel Der stetig und still, In sattem Glanze Fortdauernden Ewigkeit . . .

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Illustration zu Im Vorüberfluge

Interpretation

Das Gedicht "Im Vorüberfluge" von Hermann Conradi beschreibt eine eindrucksvolle Szene am Abendhimmel, in der die westliche Himmelswölbung in metallhartem Rotgelb erstrahlt. Der Blick des lyrischen Ichs ist fasziniert von dieser leuchtenden Blende, die fortglüht und scheinbar kein Ende nimmt, im Gegensatz zur lichtlosen Nacht. Doch plötzlich streift ein nachtschwarzer Fittig eines Dämmerungsvogels die brennende Lichtwand, und schon verschlingt die Weite den Vogel. In der zweiten Strophe zieht der Dichter eine Parallele zwischen dem kurzen Auftauchen des Vogels und dem Dasein des Menschen. Auch der Mensch trägt mit schwankem Fittig sein zwielichtbefangenes Sein vorüber an der stetig leuchtenden Kristallwand der Ewigkeit. Sein Leben ist nur ein kurzer Flug, ein Traum, ein Wahn, der bald von der farblosen Wahrheitslüge des Nichtseins geraubt wird. Die Gestalt des Menschen ist nur ein Schattengefüge, das auf schmaler Bahn dahin huscht. Doch im Flug, im Vorüberfluge, ahnt der Mensch das Rätsel der Ewigkeit, die stetig und still in sattem Glanze fortdauert. Der Dichter deutet an, dass der Mensch trotz der Kürze seines Lebens einen Moment lang die Ewigkeit erahnen kann. Die Schönheit und Beständigkeit der Natur, symbolisiert durch den leuchtenden Abendhimmel, steht im Kontrast zur Vergänglichkeit des menschlichen Daseins. Das Gedicht regt zum Nachdenken über die Bedeutung und den Sinn des Lebens im Angesicht der Ewigkeit an.

Schlüsselwörter

fittig stetig ewigkeit bald metallhartem rotgelb himmels westliche

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Stilmittel

Hyperbel
Ein Traum – ein Wahn – auf schmaler Bahn so bald – so bald raubt seiner Gestalt Schattengefüge des Nichtseins farblose Wahrheitslüge
Metapher
Im Vorüberfluge ahnt er das Rätsel der stetig und still, in sattem Glanze fortdauernden Ewigkeit
Personifikation
Mein Auge starrt staunend in die leuchtende Blende
Symbolik
Der nachtschwarze Fittig eines Dämmerungsvogels
Vergleich
Als sei nimmer ihr Ende die lichtlose Nacht