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Im Vorüberfluge

Von

Mit metallhartem Rotgelb
Hat sich des Himmels
Westliche Wölbung beflammt.

Mein Auge starrt staunend
In die leuchtende Blende,
Die wachsend fortglüht,
Als sei nimmer ihr Ende
Die lichtlose Nacht . .

Da streift die brennende
Lichtwand ein Fittig –
Der nachtschwarze Fittig
Eines Dämmerungsvogels . . .

Eine kleine Spanne
Und die Weite verschlang ihn.

Also trägt auch der Mensch
Mit schwankem Fittig
Sein zwielichtbefangenes Sein
Vorüber an der stetig leuchtenden
Kristallwand der Ewigkeit . . .

Er huscht dahin
Ein Traum – ein Wahn –
Auf schmaler Bahn
So bald – so bald
Raubt seiner Gestalt
Schattengefüge
Des Nichtseins
Farblose Wahrheitslüge.

Aber im Fluge –
Im Vorüberfluge –
Ahnt er das Rätsel
Der stetig und still,
In sattem Glanze
Fortdauernden Ewigkeit . . .

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Gedicht: Im Vorüberfluge von Hermann Conradi

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Im Vorüberfluge“ von Hermann Conradi ist eine tiefgründige Reflexion über die menschliche Existenz im Angesicht der Ewigkeit, eingebettet in eine beeindruckende Naturmetaphorik. Es beginnt mit einer Beschreibung eines leuchtenden Himmels, dessen Farben die Atmosphäre eines Übergangs, vielleicht des Sonnenuntergangs, widerspiegeln. Diese strahlende Schönheit, die „Westliche Wölbung“ in metallischem Rotgelb, zieht das Auge des Betrachters an, symbolisiert aber auch eine Art Blendung, eine Unfähigkeit, die wahre Natur der Dinge zu erfassen.

Die zentrale Metapher des Gedichts ist der „Dämmerungsvogel“, dessen schwarzer Fittig kurz vor dem leuchtenden Hintergrund erscheint, bevor er von der „Weite“ verschlungen wird. Dieser Vogel, der wie der Mensch im Zwielicht zwischen Licht und Schatten existiert, repräsentiert das flüchtige Dasein. Die kurze Spanne, die der Vogel am Horizont sichtbar ist, spiegelt die Kürze des menschlichen Lebens wider. Die „stetig leuchtende Kristallwand der Ewigkeit“ wird als der unaufhörliche Glanz der Ewigkeit interpretiert, vor der der Mensch mit seinen „schwankem Fittig“ (unsicherem Flügel) vorbeihuscht.

Conradi verwendet Bilder von Traum, Wahn und „Schattengefüge“ um die Vergänglichkeit des menschlichen Lebens zu betonen. Die Zeilen „So bald – so bald“ unterstreichen die Geschwindigkeit, mit der das Leben vergeht. Der Mensch wird als kurzlebiges Wesen dargestellt, das von der „Farblose Wahrheitslüge“ des Nichtseins verschlungen wird. Trotz dieser Negativität gibt es einen Hoffnungsschimmer: Im Vorüberfluge, in dieser flüchtigen Existenz, ahnt der Mensch das „Rätsel“ der Ewigkeit, das durch den „sattem Glanze“ charakterisiert wird.

Die abschließenden Zeilen des Gedichts deuten an, dass trotz der Kürze und Vergänglichkeit des Lebens, der Mensch intuitiv die Existenz der Ewigkeit erahnt, die sich in einem unaufhörlichen, leuchtenden Glanz manifestiert. Conradi verbindet hier also die Vergänglichkeit des menschlichen Daseins mit der Unendlichkeit der Ewigkeit. Der Mensch, ein flüchtiger Besucher, kann in diesem kurzen Augenblick im „Vorüberfluge“ die Ahnung und das Wissen um die Ewigkeit erlangen.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.