Im unglücklichen tone dessen von...

Stefan George

1909

Löset von diesem brief sanft den knoten Empfanget ohne groll meinen boten Denket er käme von einem toten!

Als ich zuerst euch traf habt ihr gesprochen: “Dort haust ein wurm der jeden feind verachtet” Zu seinen klüften bin ich flugs gesprengt Nach heissem ringen hab ich ihn erstochen Doch seitdem blieb mein haar versengt– Worob ihr lachtet.

“Ich hätte gern den turban des korsaren” So scherztet ihr – ich folgte blind Und bin aufs meer in lärm und streit gefahren Mit meinem linken arme musst ich′s büssen Den turban legt ich euch zu füssen Ihr schenktet ihn als spielzeug einem kind.

Ihr saht wie ich mein glück und meinen leib In eurem dienst verdarb Euch grämte nicht in fährden mein verbleib Ihr danktet kaum wenn ich in sturm und staub Euch ruhm erwarb Und bliebet meinem flehen taub.

Nun leid ich an einer tiefen wunde Doch dringt euer lob bis zur letzten stunde Schöne dame aus meinem munde.

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Interpretation

Das Gedicht "Im unglücklichen tone dessen von..." von Stefan George handelt von einer unglücklichen und unerwiderten Liebe. Der Sprecher des Gedichts, vermutlich ein Ritter oder Diener, berichtet von seinen zahlreichen Opfern und Abenteuern, die er im Dienste seiner Geliebten unternommen hat. Trotz seiner Bemühungen und der Gefahren, denen er sich ausgesetzt hat, bleibt die Dame ungerührt und undankbar. Das Gedicht zeichnet sich durch eine melancholische und resignative Stimmung aus, die die tiefe Enttäuschung des Sprechers über die fehlende Anerkennung und Liebe seiner Angebeteten widerspiegelt. In den ersten beiden Strophen schildert der Sprecher zwei konkrete Begebenheiten, in denen er seiner Dame zu Liebe gefährliche Abenteuer bestanden hat. In der ersten Strophe tötet er einen gefürchteten Wurm, um die Dame zu beeindrucken, doch sein Haar bleibt als Folge davon versengt. In der zweiten Strophe folgt er ihrem Wunsch nach dem Turban eines Korsaren und verliert dabei seinen linken Arm. Beide Male bleibt die Dame unbeeindruckt und schenkt den Turban sogar einem Kind. Diese Beispiele verdeutlichen die einseitige Hingabe des Sprechers und die Kälte der Dame. Die dritte Strophe fasst die Gesamtsituation zusammen. Der Sprecher hat im Dienst seiner Dame Leib und Glück geopfert, doch sie zeigt keine Dankbarkeit oder Anteilnahme für sein Wohlergehen. Selbst als er ihr Ruhm und Ehre verschafft, bleibt sie taub für seine Bitten und flehenden Worte. In der letzten Strophe offenbart der Sprecher, dass er an einer tiefen Wunde leidet, vermutlich eine Metapher für sein gebrochenes Herz. Trotz allem wird er bis zu seinem Tod weiterhin ihre Lobeshymnen singen, was seine unerschütterliche Liebe und Hingabe unterstreicht, auch wenn sie unerwidert bleibt.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Metapher
Nun leid ich an einer tiefen wunde
Personifikation
Empfanget ohne groll meinen boten
Symbolik
Schöne dame aus meinem munde