Im Sommerwinde

Bruno Wille

1904

Es wogt die laue Sommerluft. Wacholderbüsche, Brombeerranken Und Adlerfarren nicken, wanken. Die struppigen Kiefernhäupter schwanken; Rehbraune Äste knarren. Von ihren zarten, schlanken, Lichtgrünen Schossen stäubt Der harzige Duft, Und die weiche Luft Wallt hin wie betäubt.

Auf einmal tut sich lächelnd auf Die freie sonnige Welt: Weithin blendendes Himmelblau; Weithin heitre Wolken zu Hauf; Weithin wogendes Ährenfeld Und grüne grüne Auen… Hier an Kiefernwaldes Saum Will ich weilen, will ich schauen - Unter zartem Akazienbaum, Der vom muntern Wind gerüttelt Süße Blütentrauben schüttelt.

O Roggenhalme hin und her gebogen! Wie sanft sie flüstern, wie sie endlos wogen Zu blau verschwommenen Fernen! Schon neigen sich und kernen Viel Häupter silbergrün. Andre blühn, Duftend wie frisches Brot. Dazwischen glühn Mohnblumen flammenrot Bei dunkelblauen Cyanen…

Und droben wallen Durch lichtes Blau Wolkenballen, Gebirgen gleich, Halb golden und halb grau. Frau Sonne spreitet Den Strahlenfächer von Silberseide Zur Erde nieder; Dann taucht sie wieder Aus schneeigem Wolkenkleide Blendende Glieder Und blitzt und sprüht Verklärend Goldgefunkel Auf Auen, wo lachend blüht Vergissmeinnicht und gelbe Ranunkel Und Sauerampfer ziegelrot…

O du sausender brausender Wogewind! Wie Freiheitsjubel, wie Orgelchor Umrauschest du mein durstig Ohr; Du kühlst mein Haupt, umspülst die Gewandung, Wie den Küstenfelsen die schäumende Brandung - O du sausender brausender Wogewind! Nun ebbest du, so weich, so lind - Ein Säuseln, Lispeln, Fächeln. Bestrickte dich ein Sonnenlächeln? Auch dein Gesäusel stirbt; Dann - lauschige Stille. Nur noch die Grille Dengelt und zirpt Im Erlengebüsch, wo das Wässerlein träumt, Von Lilien gelb umsäumt. Ins Blaue weltverloren girrt Inbrünstig die Lerche - schwirrt Taumlig vor Wonne Zu Wolken und Sonne Und girrt und girrt.

Da wird mir leicht, so federleicht; Die dumpfig alte Beklemmung weicht. All meine Unrast, alle wirren Gedanken sind im Lerchengirren, Im süßen Jubelmeer ertrunken. Versunken Die Stadt mit Staub und wüstem Schwindel; Versunken Das Menschengesindel; Begraben der Unrat, tief versenkt Hinter blauendem Hügel, Dort wo hurtige Flügel Die emsige Mühle schwenkt…

Friede, Friede Im Lerchenliede, In Windeswogen, In Ährenwogen! Unendliche Ruhe Am umfassenden Himmelsbogen!

Weißt du, sinnende Seele, Was selig macht? Unendliche Ruhe! Nun bist du aufgewacht Zu heitrer Weisheit. Gestern durchwühlte dein Herz ein Wurm, Und heute lacht Das freie Herz in den Sommersturm…

Friede, Friede Im Lerchenliede, In Windeswogen, In Ährenwogen! Unendliche Ruhe Am umfassenden Himmelsbogen!

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Illustration zu Im Sommerwinde

Interpretation

Das Gedicht "Im Sommerwinde" von Bruno Wille ist eine lyrische Beschreibung eines idyllischen Sommertages in der Natur. Es schildert die sanfte Bewegung der Sommerluft, die das Wacholdergebüsch, die Brombeerranken und die Adlerfarren zum Nicken und Wanken bringt. Die Kiefern schwingen ihre struppigen Häupter, während rehbraune Äste knarren und von ihren zarten, grünen Schossen ein harziger Duft aufsteigt. Die Luft selbst scheint betäubt zu wallen. Die Szene öffnet sich zu einer freien, sonnigen Welt mit einem weiten Himmelblau, heiteren Wolken und einem wogenden Ährenfeld, umgeben von grünen Auen. Der Sprecher verweilt am Saum des Kiefernwaldes unter einem zarten Akazienbaum, der vom Wind gerüttelt süße Blütentrauben schüttelt. Die Roggenhalme wiegen sich sanft im Wind und flüstern, während sich manche silbergrün neigen und andere wie frisches Brot duften. Mohnblumen in flammendem Rot und dunkelblaue Cyanen blühen zwischen den Halmen. Oben am Himmel ziehen Wolkenballen durch das lichte Blau, golden und grau wie Gebirge. Die Sonne breitet ihre silberseidigen Strahlen zur Erde aus und blitzt und sprüht verklärendes Goldgefunkel auf die Auen, wo Vergissmeinnicht, gelbe Ranunkel und ziegelroter Sauerampfer blühen. Der sausende, brausende Wogewind umrauscht das durstige Ohr des Sprechers wie Freiheitsjubel und Orgelchor, kühlt sein Haupt und umspült seine Gewandung wie die schäumende Brandung einen Küstenfelsen. Dann ebbt der Wind sanft ab zu einem Säuseln, Lispeln und Fächeln, bevor er ganz verstummt und nur noch die Grille im Erlengebüsch zirpt, während das Wässerlein von gelben Lilien umrahmt träumt. Eine Lerche girrt inbrünstig und taumlig vor Wonne zu Wolken und Sonne. Der Sprecher fühlt sich leicht und befreit von dumpfer Beklemmung. Seine Unrast und wirren Gedanken sind im Lerchengirren und im süßen Jubelmeer der Natur ertrunken. Die Stadt mit ihrem Staub und wüstem Schwindel, das Menschengesindel und der Unrat sind versunken und tief begraben hinter einem blauen Hügel, wo eine eifrige Mühle geschwenkt wird. Friede und unendliche Ruhe herrschen im Lerchenlied, in den Windes- und Ährenwogen unter dem umfassenden Himmelsbogen. Der Sprecher fragt seine sinnende Seele, was selig macht, und antwortet: unendliche Ruhe. Er ist aufgewacht zu heiterer Weisheit, nachdem gestern ein Wurm sein Herz durchwühlt hat, und heute lacht sein freies Herz in den Sommersturm.

Schlüsselwörter

friede weithin girrt unendliche ruhe hin freie wolken

Wortwolke

Wortwolke zu Im Sommerwinde

Stilmittel

Alliteration
sausender brausender Wogewind
Anapher
Weithin blendendes Himmelblau; Weithin heitre Wolken zu Hauf; Weithin wogendes Ährenfeld
Bildsprache
Von ihren zarten, schlanken, Lichtgrünen Schossen stäubt der harzige Duft
Hyperbel
All meine Unrast, alle wirren Gedanken sind im Lerchengirren, im süßen Jubelmeer ertrunken
Kontrast
Gestern durchwühlte dein Herz ein Wurm, und heute lacht das freie Herz in den Sommersturm
Metapher
Frau Sonne spreitet den Strahlenfächer von Silberseide
Personifikation
Die struppigen Kiefernhäupter schwanken
Synästhesie
O du sausender brausender Wogewind! Wie Freiheitsjubel, wie Orgelchor umrauschest du mein durstig Ohr
Vergleich
Wie den Küstenfelsen die schäumende Brandung
Wiederholung
Friede, Friede im Lerchenliede, in Windeswogen, in Ährenwogen