Im Schnee
1865Schneegeriesel. Flocken über Flocken. In der weichen Luft zerfliesst der Schaum, Und kein Windhauch weht die Erde trocken.
Aber, wenn im Frost erstarrt der Flaum, Reift er schnell zu glitzernden Kristallen Und blinkt dann am Boden und am Baum.
- Nasser Schnee ist auf mein Haar gefallen - In den Bergen türmt er sich zu Eis Und zu donnernden Lawinenballen.
Von den Dächern tropft es leise, leis, Und dazwischen gleiten und verschwimmen Fern und ferner, kaum dass ich es weiss,
Dämmernde Gedanken, leise Stimmen Wie Erinnern, wie ein Atem bloss, Einer Sehnsucht aufgescheuchtes Glimmen.
Alles fliesst der Erde in den Schoss. Dieses Lebens gleitende Gesichte, Ungezählte Tropfen, Los um Los,
Einen Augenblick beglänzt vom Lichte - Oder in der rauhen Luft gereift, Und nun auf der harten Erde dichte
Sternkristalle, bis ein Wind sie streift.
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Interpretation
Das Gedicht "Im Schnee" von Hedwig Lachmann beschreibt den zyklischen Prozess des Schnees und zieht dabei Parallelen zum menschlichen Leben und seinen vergänglichen Gedanken und Sehnsüchten. Das Gedicht beginnt mit der Beschreibung des Schneefalls, der als "Schneegeriesel" über Flocken von Flocken fällt und in der weichen Luft zerfließt. Es folgt eine Beschreibung der Verwandlung des Schnees in Kristalle und seines Glitzers auf Boden und Baum. Im zweiten Teil des Gedichts wird der nasse Schnee erwähnt, der auf das Haar des Sprechers gefallen ist. In den Bergen türmt sich der Schnee zu Eis und bildet donnernde Lawinenballen. Von den Dächern tropft es leise, während Gedanken und Stimmen im Hintergrund verschwinden und sich vermischen. Diese Gedanken und Stimmen werden mit Erinnern und einem Atemzug verglichen, der eine Sehnsucht aufgescheucht hat. Der dritte Teil des Gedichts beschreibt, wie alles zur Erde fließt und in den Schoß der Erde gelangt. Das Leben wird als gleitende Vision dargestellt, mit unzähligen Tropfen, die von Licht erhellt werden. Der Schnee wird als Sternkristalle beschrieben, die sich auf der harten Erde verdichten, bis ein Wind sie streift. Das Gedicht endet mit der Vorstellung, dass der Schnee, wie das Leben, vergänglich ist und von äußeren Einflüssen beeinflusst wird. Insgesamt vermittelt das Gedicht eine melancholische Stimmung und reflektiert über die Vergänglichkeit des Lebens und die flüchtigen Gedanken und Sehnsüchte, die in uns aufsteigen und wieder verblassen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Und dazwischen gleiten und verschwimmen
- Metapher
- Sternkristalle
- Personifikation
- Aber, wenn im Frost erstarrt der Flaum