Im schmerzlichsten Gefühle

Luise Büchner

1862

Im schmerzlichsten Gefühle Schwankt in mir Sinn und Denken, Und spottet aller Kühle, Die sich, wie es auch blutet, Dies Herz hat zugemuthet. Wohin soll es sich lenken? Wo ist der Wahrheit Helle, Die jene Zauberstelle, Der Freud′ und Weh′ entstammt, Ihm zeigt in ganzer Klarheit, Ob Trug dort, oder Wahrheit Verderbend oder segnend flammt?

So bricht des Zweifels Schwüle Der Seele ganze Kraft, Die zum Vertrau′n geboren; Im schmerzlichsten Gewühle Fühlt sie sich selbst entrafft Und wie zum Tod erkoren! - So schwankte Phaëthon′s Wagen Auf seiner irren Bahn: Bald stürmt′ er ohne Zagen, Vertrauend himmelan, Bald reißet ihn zurücke Der Erde kalter Neid, Sie hat in ihrer Tücke Für ihn den Tod bereit; In namenlosem Schmerze Ruft er herbei ihn laut - O, Herz, mein armes Herze! Hast du dein eigen Bild geschaut?

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Illustration zu Im schmerzlichsten Gefühle

Interpretation

Das Gedicht "Im schmerzlichsten Gefühle" von Luise Büchner thematisiert die innere Zerrissenheit und das Zweifeln des lyrischen Ichs. Es beschreibt einen Zustand emotionaler Verwirrung, in dem Sinn und Denken schwanken und die gewohnte Kühle und Stärke des Herzens nicht mehr ausreichen, um die Situation zu meistern. Das Ich sucht nach Wahrheit und Klarheit, um zwischen Täuschung und Wirklichkeit zu unterscheiden, und fragt sich, ob das, was es empfindet, verderbend oder segnend ist. Die zweite Strophe verdeutlicht die Auswirkungen dieses Zweifels auf die Seele. Die "Schwüle des Zweifels" bricht die gesamte Kraft der Seele, die eigentlich zum Vertrauen geboren ist. Das Ich fühlt sich in einem schmerzlichen Gewühle gefangen und entrissen, als sei es zum Tod auserwählt. Die Metapher des Phaëthon-Wagens, der auf seiner irren Bahn schwankt, symbolisiert die Unbeständigkeit und die Gefahr, die in diesem Zustand des Zweifels und der Verwirrung liegen. Das Gedicht schließt mit einer Frage an das eigene Herz, ob es sein eigenes Bild in der Beschreibung des Schicksals des Phaëthon erkannt hat. Diese Frage impliziert eine tiefe Selbstreflexion und die Erkenntnis, dass das eigene Herz in einem ähnlichen Zustand des Zweifels und der Verwirrung gefangen ist. Das lyrische Ich erkennt die Parallelen zwischen seiner eigenen Situation und der des Phaëthon, der in seinem Streben nach Höherem letztendlich den Tod findet.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Metapher
In namenlosem Schmerze / Ruft er herbei ihn laut
Personifikation
Die zum Vertrau'n geboren
Rhetorische Frage
O, Herz, mein armes Herze! / Hast du dein eigen Bild geschaut?