Im Saal

Rainer Maria Rilke

1926

Wie sind sie alle um uns, diese Herrn in Kammerherrentrachten und Jabots, wie eine Nacht um ihren Ordensstern sich immer mehr verdunkelnd, rücksichtslos, und diese Damen, zart, fragile, doch groß von ihren Kleidern, eine Hand im Schoß, klein wie ein Halsband für den Bologneser; wie sind sie da um jeden: um den Leser, um den Betrachter dieser Bibelots, darunter manches ihnen noch gehört. Sie lassen voller Takt, uns ungestört das Leben leben wie wir es begreifen und wie sie′s nicht verstehn. Sie wollten blühn, und blühn ist schön sein; doch wir wollen reifen, und das heißt dunkel sein und sich bemühn.

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Illustration zu Im Saal

Interpretation

Das Gedicht "Im Saal" von Rainer Maria Rilke beschreibt eine geheimnisvolle und ehrwürdige Atmosphäre, in der sich die Figuren um den Leser und Betrachter versammeln. Die "Herren" in Kammerherrentrachten und die "Damen" in ihren prächtigen Kleidern erscheinen wie aus einer anderen Zeit, umgeben von einem dunklen, fast bedrohlichen Glanz. Sie sind präsent, aber gleichzeitig distanziert, als ob sie eine Welt repräsentieren, die dem modernen Menschen fremd und unverständlich ist. Die Personen im Gedicht werden als Beobachter dargestellt, die den Leser und Betrachter respektvoll in Ruhe lassen, um ihr Leben zu leben, wie sie es verstehen. Sie selbst jedoch verstehen das Leben nicht auf die gleiche Weise und bleiben in ihrer eigenen Welt gefangen. Die "Damen" werden als zart und fragil beschrieben, aber auch groß und imposant durch ihre Kleider, was die Spannung zwischen äußerer Erscheinung und innerer Verletzlichkeit unterstreicht. Das Gedicht endet mit einem Kontrast zwischen dem Wunsch der Figuren zu "blühen" und dem Wunsch des modernen Menschen, sich zu "reifen". Während das Blühen mit Schönheit und Leichtigkeit verbunden ist, erfordert das Reifen Dunkelheit und Anstrengung. Dies deutet darauf hin, dass der moderne Mensch einen schwierigeren Weg einschlägt, der von innerem Wachstum und Selbstreflexion geprägt ist, im Gegensatz zur äußeren Pracht und dem oberflächlichen Glanz der Figuren im Saal.

Schlüsselwörter

leben blühn alle herrn kammerherrentrachten jabots nacht ordensstern

Wortwolke

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Stilmittel

Gegensatz
und das heißt dunkel sein und sich bemühn
Metapher
wie eine Nacht um ihren Ordensstern sich immer mehr verdunkelnd
Personifikation
Sie wollten blühn, und blühn ist schön sein
Vergleich
klein wie ein Halsband für den Bologneser