Im Reich der Interpunktionen

Christian Morgenstern

1905

Im Reich der Interpunktionen nicht fürder goldner Friede prunkt:

Die Semikolons werden Drohnen genannt von Beistrich und von Punkt.

Es bildet sich zur selben Stund ein Antisemikolonbund.

Die einzigen, die stumm entweichen (wie immer), sind die Fragezeichen.

Die Semikolons, die sehr jammern, umstellt man mit geschwungnen Klammern

und setzt die so gefangnen Wesen noch obendrein in Parenthesen.

Das Minuszeichen naht, und - schwapp! da zieht es sie vom Leben ab.

Kopfschüttelnd blicken auf die Leichen die heimgekehrten Fragezeichen.

Doch, wehe! neuer Kampf sich schürzt: Gedankenstrich auf Komma stürzt -

und fährt ihm schneidend durch den Hals, bis dieser gleich - und ebenfalls

(wie jener mörderisch bezweckt) als Strichpunkt das Gefild bedeckt!

Stumm trägt man auf den Totengarten die Semikolons beider Arten.

Was übrig von Gedankenstrichen, kommt schwarz und schweigsam nachgeschlichen.

Das Ausrufszeichen hält die Predigt; das Kolon dient ihm als Adjunkt.

Dann, jeder Kommaform entledigt, stapft heimwärts man, Strich, Punkt, Strich, Punkt.

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Illustration zu Im Reich der Interpunktionen

Interpretation

Das Gedicht "Im Reich der Interpunktionen" von Christian Morgenstern ist eine allegorische Darstellung eines Krieges im Reich der Satzzeichen. Der Frieden ist gestört, da Semikolons von Komma und Punkt als Drohnen bezeichnet werden, was zur Bildung eines Antisemikolonbunds führt. Die Fragezeichen, die stets schweigsam bleiben, fliehen, während die Semikolons gefangen und getötet werden. Das Minuszeichen reißt sie aus dem Leben, und die zurückkehrenden Fragezeichen schauen bestürzt auf die Leichen. Die Gewalt eskaliert weiter, als ein Gedankenstrich ein Komma angreift und tötet, wobei er sich in einen Strichpunkt verwandelt. Die Semikolons beider Arten werden in den Totengarten getragen, und die Überreste der Gedankenstriche folgen schweigend. Das Ausrufszeichen hält die Predigt, unterstützt vom Kolon als Adjunkt. Schließlich kehren die Zeichen, nun ihrer Kommaform beraubt, heimwärts in einer rhythmischen Abfolge von Strich, Punkt, Strich, Punkt. Morgenstern nutzt die Interpunktionszeichen als Metaphern für gesellschaftliche Konflikte und Gewalt. Der Krieg zwischen den Zeichen symbolisiert die Zerstörung und den Verlust der Harmonie. Die Fragezeichen, die stets schweigen, könnten für die Ohnmacht oder das Ausweichen angesichts von Konflikten stehen. Die Transformation des Gedankenstrichs in einen Strichpunkt nach dem Mord an dem Komma verdeutlicht die unausweichlichen Konsequenzen von Gewalt und den Wandel, der durch solche Taten hervorgerufen wird.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Alliteration
Strich, Punkt, Strich, Punkt
Bildsprache
Strich, Punkt, Strich, Punkt
Hyperbel
als Strichpunkt das Gefild bedeckt
Metapher
Im Reich der Interpunktionen nicht fürder goldner Friede prunkt
Personifikation
das Kolon dient ihm als Adjunkt