Im namen einer Fräulein an ihren Hauptmann

Benjamin Neukirch

1695

Ach könte dir mein hertz wie meine dinte fliessen! Ach zöge dieses blat auch meine seuffzer an! So würde/ werther/ leicht dein mund bekennen müssen/ Daß mich der himmel itzt nicht höher straffen kan. Du würdest meinen brieff mit bleichen lippen netzen/ Die thränen würden dir biß an die seele gehn/ Und endlich müste mich doch dieser trost ergetzen: Dein hauptmann wird dir bald vor deinen augen stehn. Nun aber kan ich dir mein leiden nicht beschreiben/ Die feder ist zu klein für meine traurigkeit; Und was mir etwan noch soll meine geister treiben/ Hat schmertz und ungedult mit wermuth überstreut. Ich schreib/ und weiß nicht was; es irren hand und sinnen/ Die sylben halten nicht gewichte/ maß und ziel. Der sorgen schwartze nacht umbnebelt mein beginnen/ Ich selber aber bin der liebe gauckel-spiel. Ich weiß nicht/ ob ich dir die warheit darff bekennen/ Mein schatz/ dein strenger schluß hat meine qual erregt: Du schaffest/ daß mir nichts als trauer-kertzen brennen/ Du hast mir unverhofft die martern angelegt. Ein land/ ein weites land hält deinen leib gebunden/ Du suchst in fremder lufft bekrönte frühlings-ruh/ Doch glaube/ hast du dich mit rosen gleich umbwunden/ So weht dein freuden-wind mir doch die dornen zu. Ich soll mich nur entfernt mit schatten-wercken speisen; Wie aber reimt sich doch verliebt und ferne seyn? Wie schickt sich doch mein weh zu deinen anmuths-reisen/ Und deine grausamkeit zu meiner seelen-pein? Die liebe läst sich leicht durch lange meilen dämpffen/ Ein frischer amber-kuß sticht tausend alte weg. Wo schönheit und verstand die schwache treu bekämpffen/ Da pflastert leicht die lust den süssen liebes-steg. Wir jungfern müssen nur den kleider-moden gleichen/ Was heute prächtig scheint/ wird morgen ausgelacht; So könt ihr männer uns auch sanffte pflaumen streichen/ Biß ihr den leichten mund wo besser angebracht. Ihr spielet mit der lust/ wie winde mit narcissen. Bald kommt ihr gantz entfernt mit complimenten an/ Bald wolt ihr uns die hand/ bald auch die schürtze küssen/ Da doch der zehnde kaum die buhlen zehlen kan. Itzt stürmt ihr hertz und mund uns durch Syrenen-lieder/ Und schließt uns unbedacht in liebes-fässel ein/ Itzt zieht ihr wieder fort/ und endlich kommt ihr wieder; Denn wolt ihr kälter noch als Salamander seyn. Doch/ liebster/ tadle nicht mein allzukühnes schreiben. Ich weiß zwar/ daß du mir mehr als gewogen bist/ Die regel aber wird auch noch der nachwelt bleiben/ Daß furcht und eyfersucht der liebe zunder ist. Die größte gluth besteht in thränen-vollen hertzen. Wer sonder eyfer liebt/ der liebt auch ohne treu; Auch winde blasen feur in die erstorbne kertzen/ So macht ein kleiner streit uns aller zweiffel frey. Zwar ich gedencke noch der zucker-süssen stunden/ Als ich die rosen dir von deinen lippen laß/ Als sich die nelcken mir umb meinen mund gewunden/ Und mir das glücke selbst zu meinen füssen saß. Wo aber ist der glantz der freuden hingeschossen? Wo bleibt der stille tag/ wo die beperlte zeit/ Da deine leffzen mir mit nectar-safft geflossen/ Und mich dein reiner kuß mit bisem eingeweyht? Mein Hauptmann prüfe selbst die schmertzen meiner wunden/ Und dencke/ was vor angst mir alle glieder schlug/ Als sattel/ pferd und knecht zur reise fertig stunden/ Und dich der schnelle gaul aus meinen augen trug. Ich dachte dazumahl vor thränen fast zu brechen/ Was aber dazumahl? Itzt lern ich erst verstehn/ Wie nacht und finsterniß die freuden-lichter schwächen/ Und wie die lampen uns von winden untergehn. Ach liebster/ laß mich nicht in dieser noth versincken/ Steh auff/ und stelle dich in meinen armen ein! Komm/ weil die sterne dir zur liebes-taffel wincken/ Und selbst der himmel will zu deinen diensten seyn. Wer wunden heilen will/ muß keine zeit verschertzen/ Ein allzuspäter rath schlägt leider! wenig an/ Der lindert nicht die qval/ und mehret nur die schmertzen/ Der nicht den augenblick auff mittel dencken kan. Mehr weiß ich nicht in eil hier worte beyzusetzen/ Genung/ daß meine lust in deinen händen steht/ Daß mich dein wille kan betrüben und ergötzen/ Und ewig mein magnet nach deinem norden geht. Du kanst wohl selber leicht aus deiner treu erdencken/ Daß uns in Dännemarck noch keine rosen blühn/ Daß sich dein auge muß nach meinen augen lencken/ Und dein entfernter mund nach meinem munde ziehn. Ich grüsse schon den tag mit tausend freuden-küssen/ Da mir ein engel wird an meiner seite stehn. Da mir dein süsser mund wird wieder nectar giessen/ Und nichts als malvasier von deinen lippen gehn. Ach Hauptmann eile fort/ beflügle pferd und wagen/ Und gönne meiner lust bald deinen sonnenschein! Wo nicht/ so glaube nur/ daß ich durch diese plagen Bald meiner lebens-zeit werd überhoben seyn.

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Illustration zu Im namen einer Fräulein an ihren Hauptmann

Interpretation

Das Gedicht "Im namen einer Fräulein an ihren Hauptmann" von Benjamin Neukirch ist ein leidenschaftlicher Liebesbrief einer jungen Frau an ihren Geliebten, der sich in der Ferne befindet. Die Autorin drückt ihre tiefe Sehnsucht und Trauer über die Trennung aus und bittet ihren Hauptmann, zu ihr zurückzukehren. Sie beschreibt die Qualen, die sie aufgrund der Abwesenheit ihres Geliebten erlebt, und betont die Intensität ihrer Liebe. Die Sprache des Gedichts ist sehr emotional und voller Metaphern. Die Autorin verwendet Bilder wie "Tränen", "Wunden" und "Schmerzen", um ihre Gefühle auszudrücken. Sie vergleicht auch ihre Liebe mit einem "Gauckelspiel", was darauf hindeutet, dass sie sich selbst als Spielball der Liebe fühlt. Die Autorin appelliert an die Gefühle ihres Hauptmanns und bittet ihn, ihre Not zu erkennen und zu ihr zurückzukehren. Das Gedicht endet mit der Hoffnung der Autorin, dass ihr Hauptmann bald zurückkehren wird. Sie verspricht ihm eine liebevolle Begrüßung und versichert ihm, dass ihre Liebe ewig währen wird. Trotz der Schwierigkeiten und Schmerzen, die sie aufgrund der Trennung erlebt, bleibt die Autorin hoffnungsvoll und erwartet die Wiederkehr ihres Geliebten.

Schlüsselwörter

mund bald kan leicht itzt weiß freuden seyn

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Wo aber ist der glantz der freuden hingeschossen?
Anapher
Itzt stürmt ihr hertz und mund uns durch Syrenen-lieder/ Itzt zieht ihr wieder fort/ und endlich kommt ihr wieder
Hyperbel
Die feder ist zu klein für meine traurigkeit
Metapher
Ach könte dir mein hertz wie meine dinte fliessen!
Metonymie
Ein frischer amber-kuß sticht tausend alte weg
Oxymoron
Der liebe gauckel-spiel
Personifikation
Die liebe läst sich leicht durch lange meilen dämpffen
Rhetorische Frage
Wie schickt sich doch mein weh zu deinen anmuths-reisen/ Und deine grausamkeit zu meiner seelen-pein?
Symbolik
Wo nicht/ so glaube nur/ daß ich durch diese plagen/ Bald meiner lebens-zeit werd überhoben seyn
Vergleich
Ihr spielet mit der lust/ wie winde mit narcissen