Im Lauf des Lebens
1865Oft muss ich denken: Wie mein Haar ergraut! Sind denn noch immer blühend meine Wangen? Wie wenn ein Wanderer nach rückwärts schaut Und zu sich spricht: Wie bin ich weit gegangen!
Dann drängt inbrünstiger noch mein Gefühl Sich zu dem Heute, das noch nicht entschwebte, Und der Vergangenheit enttaucht so kühl, Was ehedem so schmerzlich ich durchlebte.
So kommt ein Freund, den du verlorst, vielleicht Von ungefähr dir übern Weg nach Jahren, Und während fragend man die Hand sich reicht, Schweigt man von allem doch, was man erfahren.
Die Augen nicken sich wohl grüssend zu, Wie voll Bedauern, aus gesenkten Lidern; Das Herz spricht unvernehmlich: Bist es du? Und fühlt sich fremd und weiss nichts zu erwidern.
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Interpretation
Das Gedicht "Im Lauf des Lebens" von Hedwig Lachmann handelt von der Vergänglichkeit der Zeit und dem Wandel im Leben. Die Sprecherin reflektiert über ihr gealtertes Äußeres und vergleicht sich mit einem Wanderer, der auf seine zurückgelegte Strecke blickt. Sie fragt sich, wie weit sie im Leben gekommen ist und wie viel Zeit vergangen ist. In der zweiten Strophe wird deutlich, dass die Sprecherin sich intensiv mit der Gegenwart und der Vergangenheit auseinandersetzt. Sie empfindet ein starkes Bedürfnis, im Hier und Jetzt zu verweilen, während die Vergangenheit wie ein kalter Nebel aufsteigt und das, was einst so schmerzhaft war, nun distanziert erscheint. Die Zeit scheint die Intensität vergangener Erlebnisse gemildert zu haben. Die letzte Strophe beschreibt ein zufälliges Wiedersehen mit einem einst verlorenen Freund nach vielen Jahren. Während man sich die Hand reicht und die Augen sich grüßend zuzwinkern, bleibt ein Gefühl des Bedauerns und der Fremdheit. Das Herz fragt leise: "Bist es du?" und fühlt sich unsicher, wie es auf diese Begegnung reagieren soll. Das Gedicht vermittelt das Gefühl, dass die Zeit Menschen und Beziehungen verändert hat, sodass selbst alte Freunde sich fremd geworden sind.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Metapher
- Und fühlt sich fremd und weiss nichts zu erwidern.
- Vergleich
- Sind denn noch immer blühend meine Wangen?