Im Grase

Annette von Droste-Hülshoff

1844

Süße Ruh′, süßer Taumel im Gras, Von des Krautes Arome umhaucht, Tiefe Flut, tief tief trunkne Flut, Wenn die Wolk′ am Azure verraucht, Wenn aufs müde, schwimmende Haupt Süßes Lachen gaukelt herab, Liebe Stimme säuselt und träuft Wie die Lindenblüt′ auf ein Grab.

Wenn im Busen die Toten dann, Jede Leiche sich streckt und regt, Leise, leise den Odem zieht, Die geschloßne Wimper bewegt, Tote Lieb′, tote Lust, tote Zeit, All die Schätze, im Schutt verwühlt, Sich berühren mit schüchternem Klang Gleich den Glöckchen, vom Winde umspielt.

Stunden, flüchtger ihr als der Kuß Eines Strahls auf der trauernden See, Als des ziehenden Vogels Lied, Das mir nieder perlt aus der Höh, Als des schillernden Käfers Blitz, Wenn den Sonnenpfad er durcheilt, Als der heiße Druck einer Hand, Die zum letzten Male verweilt.

Dennoch, Himmel, immer mir nur Dieses Eine nur für das Lied Jedes freien Vogels im Blau Eine Seele, die mit ihm zieht, Nur für jeden kärglichen Strahl Meinen farbig schillernden Saum, Jeder warmen Hand meinen Druck, Und für jedes Glück meinen Traum.

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Illustration zu Im Grase

Interpretation

Das Gedicht "Im Grase" von Annette von Droste-Hülshoff beschreibt eine sinnliche und traumhafte Szene in der Natur, die von tiefen Gefühlen und Erinnerungen durchdrungen ist. Die Sprecherin erlebt einen Rausch im Gras, umgeben vom Duft der Kräuter und dem Anblick der Wolken, die sich im Himmel auflösen. Dieser Zustand versetzt sie in eine Art Trance, in der sie sich an verstorbene Lieben und vergangene Freuden erinnert, die wie schüchterne Glöckchenklänge in ihr aufsteigen. Die zweite Strophe vertieft diese melancholische Stimmung, indem sie die Toten im Busen der Sprecherin personifiziert und ihnen Leben einhaucht. Die Leichen strecken und regen sich, atmen leise und bewegen ihre geschlossenen Wimpern. Die tote Liebe, Lust und Zeit, die im Schutt verwühlt liegen, berühren sich mit einem schüchternen Klang. Diese Bildsprache vermittelt die Idee, dass die Vergangenheit und die verlorenen Freuden noch immer in der Sprecherin lebendig sind und sie in ihrem aktuellen Zustand begleiten. In der dritten Strophe reflektiert die Sprecherin über die Vergänglichkeit der schönen Momente im Leben. Sie vergleicht die flüchtigen Stunden mit dem Kuss eines Sonnenstrahls auf dem trauernden Meer, dem Lied eines ziehenden Vogels, dem Blitz eines schillernden Käfers und dem heißen Druck einer Hand, die zum letzten Mal verweilt. Trotz dieser Vergänglichkeit bittet die Sprecherin den Himmel, ihr immer nur diese flüchtigen Momente für ihr Lied zu schenken. Sie möchte für jeden freien Vogel am Himmel eine Seele haben, die mit ihm zieht, für jeden kargen Strahl ihren farbig schillernden Saum, für jede warme Hand ihren Druck und für jedes Glück ihren Traum.

Schlüsselwörter

tote flut tief leise zieht vogels lied schillernden

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Stilmittel

Alliteration
Süße Ruh′, süßer Taumel im Gras
Bildsprache
Wenn den Sonnenpfad er durcheilt
Hyperbel
Stunden, flüchtger ihr als der Kuß
Kontrast
Tote Lieb′, tote Lust, tote Zeit
Metapher
Tiefe Flut, tief tief trunkne Flut
Personifikation
Liebe Stimme säuselt und träuft
Symbolik
Wie die Lindenblüt′ auf ein Grab
Vergleich
Gleich den Glöckchen, vom Winde umspielt