Im Batisterio zu Florenz
1876Die ihr nach des Meisters Worten Himmelspforten werth zu sein, Kunstgeformte, ehrne Pforten, Laßt den deutschen Wandrer ein!
Düstre, dunkle Taufkapelle, Deiner heil’gen Nacht entfleußt Manch ein Strahl der Himmelshelle, Senkend sich in meinen Geist.
Vor mir steht ein greiser Priester, Segen betend für ein Kind, Und des heil’gen Bornes gießt er Auf des Täuflings Stirne lind.
Meine Hände möcht’ ich legen Auf das Kind, ich fremder Mann, Während längst mein voller Segen Lind und leis sein Haupt umrann;
Segen, der wie Frühthaus Fallen Dieses Menschenpflänzchen tränkt Süß und überreich mit Allem, Was ein Leben Schönes denkt!
Schließt euch wieder, Himmelspforten, Denn sein Erdenlauf beginnt! Wandernd fort zu fernen Orten, Seh’ ich nie dich wieder, Kind!
Knab’ und Mann wirst du in Jahren, Ungestalt vielleicht und wild; Doch ich werd’ es nie erfahren, Ach, ich seh’ dich schön und mild!
Hunger wird dein Aug’ verwildern, Armut bringt vielleicht dir Qual! Ach, in meines Segens Bildern Sitzest du am Freudenmahl!
Deiner Mutter Pulse stocken, Dich verräth des Freundes Wort! Ach, nicht hör’ ich jene Glocken, Und nicht hör’ ich jenes Wort!
Und es höhnte dich, dir fluchte, Die du einzig liebst, o Graus! Ach, in meinem Sinn doch suchte Ich die treu’ste Braut dir aus!
Bot’st dein Herz, gequält vom Leben, Jung dem eignen Schwerte dar! Ach ich hab’ dir doch gegeben Gar so schönes weißes Haar!
So vielleicht dem Fluch erlegen, Der dein Erdenloos gebannt, Ahnst du’s nie, wie einst der Segen Fromm an deiner Wiege stand;
Wie der Mann aus fremder Ferne, Betend über dich gebeugt, Mit des Segens Born dich gerne, Junges Pflänzchen, großgesäugt.
Bist der schöne Baum mit nichten, Den er freudig ragen hieß! Darbst an Blüthen, kargst mit Früchten, Die er reich dich tragen ließ!
Doch, verarmt an Blüthenschimmer, Und in Stamm und Mark verdorrt, Blühst im Herzen mir noch immer Du dein blühend Leben fort.
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Interpretation
Das Gedicht "Im Baptisterium zu Florenz" von Anastasius Grün schildert einen tief bewegenden Moment, in dem ein deutscher Wanderer einer Taufzeremonie in Florenz beiwohnt. Der Sprecher, berührt von der heiligen Atmosphäre der Taufkapelle, imaginiert sich selbst als geistiger Beschützer des neugeborenen Kindes. Er wünscht sich, dem Kind seinen Segen zu spenden, symbolisiert durch den Wunsch, seine Hände auf dessen Haupt zu legen. Dieser Segen soll dem Kind ein erfülltes und schönes Leben bescheren, wie ein "Frühthaus" (ein Ort der Fürsorge und Pflege), das das "Menschenpflänzchen" mit allem Nötigen versorgt. Der Sprecher reflektiert über die Zukunft des Kindes, die er nicht miterleben wird. Er imaginiert verschiedene Lebensphasen und mögliche Schicksalsschläge des Kindes, wie Hunger, Armut oder Verrat, die er jedoch in seinen Segensbildern abwendet. Er sieht das Kind stets in einer positiven, gesegneten Perspektive, am "Freudenmahl" sitzend, umgeben von Liebe und Wohlstand. Diese idealisierte Vorstellung steht im Kontrast zur möglichen Realität, die der Sprecher nicht kennt und auch nicht kennen wird. Das Gedicht endet mit einer Metapher des Baumes, der das Kind symbolisiert. Der Sprecher bedauert, dass das Kind, das er sich als "schönen Baum" mit üppigen Blüten und Früchten vorgestellt hatte, in der Realität verarmt und verdorrt sein könnte. Dennoch bleibt das Bild des blühenden Lebens im Herzen des Sprechers bestehen, ein Zeichen der unerschütterlichen Hoffnung und des Wunsches, dem Kind ein gutes Leben zu wünschen, unabhängig von seinem tatsächlichen Schicksal. Das Gedicht vermittelt somit eine universelle Botschaft der Fürsorge und des Segens für die nachfolgenden Generationen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Linden, leisen
- Hyperbel
- Segen, der wie Frühthaus Fallen
- Kontrast
- Knab’ und Mann wirst du in Jahren, Ungestalt vielleicht und wild; Doch ich werd’ es nie erfahren, Ach, ich seh’ dich schön und mild!
- Metapher
- Blühst im Herzen mir noch immer Du dein blühend Leben fort
- Personifikation
- Schließt euch wieder, Himmelspforten