Im Bade

Anastasius Grün

1806

Ach, könnt’ ich die Welle sein, Wie freut’ ich mich so! Doch könnt’ ich die Quelle sein, Wär’ doppelt ich froh!

Könnt’ ich die Welle sein, Hüpft’ ich mit frohem Sinn, Wo sie im Bade weilt, Rasch zur Geliebten hin; Hätte sie schnell ereilt, Wogte mit stillem Gruß Rasch um den lieben Fuß, Blähte mich stolzer dann, Schwölle und stieg’ hinan Bis an des Busens Rund, Bis an den Purpurmund, Grüßte und küßte sie, Kos’te und neckte sie, Und sie erlitt es gern, Glaubt’ ja, ich seh’ es nicht, Glaubt’ mich ja fern!

Könnt’ ich die Quelle sein, Ganz nach Verlangen Wäre sie mein; Liebend umfangen Wollt’ ich die Holde, Aber so bald nicht Ließ ich sie los. Dann zu dem Herzchen Rauscht’ ich empor, Pochte und schlüge Rege daran, Pochte und früge Liebend mich an. Dann zu den Händen Wogt’ ich dahin; Aber das Ringlein, Das sie als fremder Seligkeit Pfand Trägt an der kleinen Blendenden Hand; Wollt’ ich ihr raubend Tief in der Wogen Nächtliche Brandung Heimlich verbergen; Rauschte zur Hand dann Wieder hinan Und nur mein Ringlein Ließ ich daran.

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Illustration zu Im Bade

Interpretation

Das Gedicht "Im Bade" von Anastasius Grün handelt von einem lyrischen Ich, das sich wünscht, eine Welle oder eine Quelle zu sein, um der Geliebten im Bade nahe zu sein. Die Sehnsucht nach körperlicher Nähe und intimer Berührung wird durch die Metapher des Wassers ausgedrückt, das sich sanft und leidenschaftlich an den Körper der Geliebten schmiegt und ihn streichelt. In der ersten Strophe vergleicht das lyrische Ich die Freude, eine Welle zu sein, mit der doppelten Freude, eine Quelle zu sein. Als Welle könnte es sich schnell zur Geliebten bewegen und sie mit einem stillen Gruß um den Fuß wogen. Als Quelle könnte es die Geliebte ganz nach seinem Verlangen umarmen und liebend an ihr Herz klopfen. In der zweiten Strophe beschreibt das lyrische Ich, wie es als Welle die Geliebte küssen, streicheln und necken würde, ohne dass sie es bemerkt. Als Quelle würde es ihr Ring, den sie als Pfand fremder Seligkeit trägt, in den Tiefen der Wogen verbergen und sie dann wieder an die Hand legen. Das Gedicht endet mit dem Wunsch, dass nur das Ringlein des lyrischen Ichs an der Hand der Geliebten bleibt.

Schlüsselwörter

könnt welle quelle rasch hinan glaubt liebend wollt

Wortwolke

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Stilmittel

Hyperbel
Bis an den Purpurmund, Grüßte und küßte sie, Kos’te und neckte sie
Metapher
Ach, könnt’ ich die Welle sein, Wie freut’ ich mich so! Doch könnt’ ich die Quelle sein, Wär’ doppelt ich froh!
Personifikation
Hüpft’ ich mit frohem Sinn, Wo sie im Bade weilt, Rasch zur Geliebten hin
Symbolik
Das Ringlein, Das sie als fremder Seligkeit Pfand Trägt an der kleinen Blendenden Hand
Wiederholung
Pochte und schlüge Rege daran, Pochte und früge Liebend mich an