Ikaros

Friedrich Leopold Graf zu Stolberg

1816

Daidalos hub sich auf wächsernem Fittich, Ikaros weinete: Vater, dich bitt′ ich, Lehre mich fliegen! Doch Daidalos sprach: Hättest du Flügel, so flögst du mir nach!

Aber dem Ikaros braust es und pocht es Tief in dem Herzen, und saust es und kocht es Hoch in dem Köpfchen: Du bildetest dir Flügel, so bilde doch Flügel auch mir!

Nun denn, mein Bübchen, sollst Flügelein haben, Sagte der Vater zum wimmernden Knaben, Schritt zu der künstlichen Arbeit, und stracks Knetete Daidalos Flügel aus Wachs.

Ikaros bebet vor Wonn′ und Verlangen, Als ihm der Vater mit goldenen Spangen Heftet die Flügel an Schulter und Brust, Ist sich der Ammenmilch nicht mehr bewußt.

Höre, mein Söhnchen, der Klugheit bedarf es Oben in Lüften, drum achte mein scharfes Weises Verbot, und bedenk nicht zu spät, Daß man aus Wachs nur was wächsernes dreht.

Folge mir nach in den mittleren Lüften, Wittere nicht nach ätherischen Düften, Weit ist die Reise nach Welschland und schwer, Oben die Sonne, und unten das Meer.

Nahest du steigend der Sonne, so schmelzen Flugs dir die Fittiche; tauchst du, so wälzen Wogen des Meers dich ins gläserne Haus Wilder Tritonen, den Hechten zum Schmaus.

Daidalos sprach es, und hub sich; der Junker Fühlte sich nicht vor Entzücken! Kühn schwung er Nach sich dem Vater, hoch über ihn hin, Über die Wolken mit trunkenem Sinn!

Aber die Flügel begannen zu triefen, Eh er es merkte, die Schwingen entliefen Sinkend dem Sinkenden, und er entstürzt Purzelnd dem Flug, nicht zur Seefahrt geschürzt.

Merke sich das der Bescheidneren Tadler, Keck ist der Käfer, und kühn ist der Adler! Haben die Götter dir Schwingen versagt, O so geh nicht auf ätherische Jagd!

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Illustration zu Ikaros

Interpretation

Das Gedicht "Ikaros" von Friedrich Leopold Graf zu Stolberg handelt von der tragischen Geschichte des jungen Ikaros, der von seinem Vater Daidalos mit Flügeln aus Wachs ausgestattet wird, um gemeinsam zu fliegen. Ikaros ist voller Begeisterung und Ungeduld, die Flügel auszuprobieren, und bittet seinen Vater, ihn ebenfalls fliegen zu lehren. Daidalos warnt ihn vor den Gefahren und mahnt zur Vorsicht, doch Ikaros ignoriert die Ratschläge. Das Gedicht verdeutlicht die menschliche Sehnsucht nach Freiheit und das Streben nach Höherem, symbolisiert durch das Fliegen. Ikaros' Wunsch, die Grenzen zu überschreiten und sich über seinen Vater zu erheben, führt letztendlich zu seinem Untergang. Die Flügel aus Wachs stehen für die Vergänglichkeit und Fragilität menschlicher Ambitionen. Die tragische Botschaft des Gedichts liegt darin, dass übermäßiger Ehrgeiz und Ungehorsam gegenüber weiser Führung zum Scheitern führen können. Stolberg warnt davor, sich auf gefährliche Unternehmungen einzulassen, die über die eigenen Fähigkeiten hinausgehen. Die letzten Zeilen appellieren an die Bescheidenheit und Mahnung, die eigenen Grenzen zu akzeptieren, anstatt sich auf gefährliche Abenteuer einzulassen, die zum Scheitern verurteilt sind.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Hyperbel
Hoch in dem Köpfchen: Du bildetest dir Flügel, so bilde doch Flügel auch mir!
Metapher
O so geh nicht auf ätherische Jagd
Personifikation
Ikaros bebet vor Wonn′ und Verlangen