Ihr nennt mich stolz?
Ihr nennt mich stolz? Wer hat mich so gemacht?
Ihr selbst, die mich betrogen und verrathen!
Die Regung, die ihr schmäht, ist erst erwacht,
Als ich mein Thun verglich mit euern Thaten!
Ihr nennt mich stolz? O wüßtet ihr wie gern
Und freudenvoll der starre Stolz verschwände,
Vor einem Menschen, der, ein lichter Stern,
Hoch über mir und meinem Wesen stände. –
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Ihr nennt mich stolz?“ von Betty Paoli ist eine eindringliche Klage über die Verachtung, die der Sprecherin entgegengebracht wird, und eine Erklärung der Ursachen dieses scheinbaren Stolzes. Es ist ein Appell an das Verständnis und ein Aufzeigen der Verletzlichkeit hinter der Fassade der „Stolz“ genannten Haltung. Paoli nutzt eine direkte Ansprache an ein „Ihr“, um die Kritik zu entlarven und eine tiefere Wahrheit zu offenbaren.
In den ersten vier Versen argumentiert die Sprecherin, dass ihr Stolz nicht angeboren, sondern eine Reaktion auf die Erfahrung von Betrug und Verrat ist. Die Frage „Wer hat mich so gemacht?“ ist rhetorisch und wirft die Verantwortung auf die „Ihr“, also die Menschen, die sie beurteilen. Die „Regung“, die als „Stolz“ wahrgenommen wird, ist erst durch den Vergleich ihrer eigenen Handlungen mit den „Thaten“ der anderen entstanden. Dies deutet darauf hin, dass die Sprecherin durch das Verhalten ihrer Mitmenschen verletzt und enttäuscht wurde, was sie in eine defensive Position zwang.
Die zweite Strophe enthält eine überraschende Wendung. Die Sprecherin drückt den Wunsch aus, dass ihr „starre Stolz“ verschwinden würde. Sie sehnt sich nach einer Welt, in der sie nicht gezwungen ist, stolz zu sein. Dieses Verlangen wird durch das Bild eines „Menschen“ verkörpert, der als „lichter Stern“ beschrieben wird. Diese Metapher deutet auf eine ideale Person hin, die moralisch überlegen ist und der die Sprecherin mit Respekt und Bewunderung begegnen könnte. Die Vision dieses Idealbildes zeigt, dass ihr „Stolz“ eine Maske ist, die sie zum Schutz vor der Welt trägt.
Das Gedicht zeichnet sich durch seine klare Sprache und die prägnante Verwendung von Fragen aus, die die Zuhörer zur Reflexion anregen. Die Gegensätze, wie „Stolz“ und „Verletzlichkeit“, werden geschickt eingesetzt, um die Komplexität der menschlichen Natur und die Auswirkungen von zwischenmenschlichen Beziehungen aufzuzeigen. Betty Paoli entlarvt mit diesem Gedicht das Urteil über Stolz und bietet einen tiefen Einblick in die Seele einer Person, die durch die Handlungen anderer in eine scheinbar unnahbare Haltung gezwungen wurde, die sie doch gerne ablegen würde.
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Lizenz und Verwendung
Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.