Ihr Heim
1882Lang vorüber ging ich den Gehegen, Drin der Giebel deines Heimes ragt, Dieser Pforte, diesen Schattenwegen! Wer da wohne, hab ich nicht gefragt. Wer da wohne Hinter einer dunkeln Lindenkrone, Hat das Herz mir nicht vorausgesagt.
Pfade liefen durch die feuchte Wiese, Kleine Sohlen sah ich hier und dort Eingezeichnet auf dem weichen Kiese, Aber meines Weges zog ich fort. Ich begehrte Zu verfolgen nicht die flüchtge Fährte, Zu betreten nicht den stummen Ort.
Auch ein Rauschen hört ich aus der Linde, Die der Hauch der Abendlüfte bog; «Komme, Wandrer", rief es, “komm und finde!» Während rascher ich des Weges zog. Ich vertraute Dem Versprechen nicht der Geisterlaute, Deren Wehn mir oft das Herz betrog.
Und den Stern der Liebe sah ich eilen Dort zum dunkelscharfen Bergesrand, Auf dem schlanken Giebel blitzend weilen Wie ein zitternd Feuer, eh er schwand. Im Entweichen Gab der Freund am Himmel mir ein Zeichen, Wann er über meinem Glücke stand.
Längst versunken glaubt ichs in die Ferne, Das so nahe mir verborgen lag! Wer versteht den stillen Wink der Sterne Vor dem rechten, dem bestimmten Tag? Vor der Stunde, Die ihn zieht zu dem ersehnten Bunde, Den nicht Tod noch Leben trennen mag?
Lang vorüber ging ich deiner Liebe Durch den Staub des Lebens unbewusst, Dass zur Wonne mir die Klage bliebe Und ein leiser Schmerz in selger Brust - Schmerz und Klage Über ohne dich verdarbte Tage Die mit deinem Kuss du stillen musst.
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Interpretation
Das Gedicht "Ihr Heim" von Conrad Ferdinand Meyer beschreibt die Reise des lyrischen Ichs, das an einem Haus vorbeigeht, ohne zu wissen, wer dort wohnt. Die erste Strophe vermittelt ein Gefühl der Distanz und des Nicht-Wissens, während das lyrische Ich die Umgebung erkundet, ohne sich für die Bewohner zu interessieren. Die zweite Strophe setzt diese Reise fort, wobei das lyrische Ich auf Pfaden durch die Wiese wandelt, aber nicht den Versuch unternimmt, den Spuren zu folgen oder den Ort zu betreten. Es bleibt ein Außenstehender, der die Geheimnisse des Hauses nicht ergründen will. In der dritten Strophe hört das lyrische Ich ein Rauschen aus der Linde, das es auffordert, zu kommen und zu finden. Doch das lyrische Ich vertraut nicht den Versprechungen der Geisterlaute und zieht weiter, da es bereits oft vom Wehen des Herzens betrogen wurde. Die vierte Strophe führt den Stern der Liebe ein, der sich zum dunklen Bergesrand eilt und auf dem Giebel des Hauses verweilt wie ein zitterndes Feuer. Der Stern gibt dem lyrischen Ich ein Zeichen, wann er über seinem Glück steht, doch das lyrische Ich glaubt, dass dieses Zeichen in der Ferne versunken ist. Die fünfte Strophe reflektiert über die Bedeutung des stillen Winkes der Sterne und die Stunde, die das lyrische Ich zu dem ersehnten Bunde zieht, der weder durch Tod noch Leben getrennt werden kann. Das lyrische Ich erkennt, dass es lange Zeit die Liebe unbewusst durch den Staub des Lebens gegangen ist. In der letzten Strophe wird deutlich, dass die Klage und ein leiser Schmerz in der Brust des lyrischen Ichs zurückbleiben, da es ohne die geliebte Person verdorbene Tage erlebt hat. Der Kuss der geliebten Person ist notwendig, um diesen Schmerz und diese Klage zu stillen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Pfade liefen durch die feuchte Wiese
- Anapher
- Lang vorüber ging ich den Gehegen Drin der Giebel deines Heimes ragt Dieser Pforte, diesen Schattenwegen
- Enjambement
- Pfade liefen durch die feuchte Wiese, Kleine Sohlen sah ich hier und dort
- Hyperbel
- Den nicht Tod noch Leben trennen mag
- Kontrast
- Dass zur Wonne mir die Klage bliebe Und ein leiser Schmerz in selger Brust
- Metapher
- Und den Stern der Liebe sah ich eilen Dort zum dunkelscharfen Bergesrand
- Personifikation
- Auch ein Rauschen hört ich aus der Linde Die der Hauch der Abendlüfte bog
- Rhetorische Frage
- Wer da wohne Hinter einer dunkeln Lindenkrone, Hat das Herz mir nicht vorausgesagt
- Symbolik
- Und den Stern der Liebe sah ich eilen