Ihr Bild

Gabriele von Baumberg

1768

Verfolgt vom edelsten der Triebe, Der sonst das Herz mit Lust beseelt, Verfolgt von hoffnungsloser Liebe, Und durch Erinnerung gequält,

Leg’ ich die schönsten meiner Tage, Von stillem Gram verzehrt, zurück. Mir scheint das Leben eine Plage, Der Tod Gewinn, das Grab ein Glück.

Ich suche meinen Geist vergebens Durch andre Bilder zu zerstreun, Und dieses bangen, kurzen Lebens Mich Einmal, Einmal noch zu freun.

Ich flieh die laute Stadt, und wähle Zum Aufenthalt das stille Land, Hier suchet ängstlich meine Seele Die Ruhe, die sie dort nicht fand,

Doch ach! umsonst! denn mich begleiten Die Wehmuth, und ihr schönes Bild, Das jeden Raum und alle Zeiten Wie Gottes Gegenwart erfüllt.

Ich seh’ es in der Morgenröthe Und Abenddämmerung mir nahn, Es schwebt auf jedem Blumenbeete, Es irrt um jeden Wiesenplan.

Ich seh’ in Rosen ihre Wangen, Ich seh’ in Lilien ihre Hand, In nelken ihre Lippen prangen, Und in den Tulpen ihr Gewand,

Seh’ in dem Veilchen, das, vom Strauche Beschattet, blüht, der Holden Blick, Fühl’ ihren Kuss in Zephyrs Hauche, Und sehne mich zur Stadt zurück.

Die Laube grünt: könnt’ ich’s vergessen, Was dieser Anblick mir erneut! Wie oft ich hier bey ihr gesessen, Und meines Daseyns mich gefreut!

Ich schleiche vom beblümten Hügel Hinab zum perlenklaren Bach, Und seh’ ihr Bild im Wasserspiegel, Und folg’ ihm unwillkürlich nach:

Und flieht’s mich gleich auf Augenblicke; So such’ ich’s ängstlich wieder auf, Wünsch immer meinen Schmerz zurücke, Und reisse meine Wunden auf.

Nichts ist in jener Himmelssphäre, Nichts ist auf diesem Erdenball, Das nicht für mich Erinnrung wäre: Ihr Bild verfolgt mich überall.

Sogar an Gottes heil’ger Stäte, Wenn andachtsvoll die Seele sich In Gott versöhnende Gebethe Ergiessen sollte, stört es mich.

Doch, ach! verstummt ihr bangen Klagen! Hier werd’ ich sie nie wieder sehn. Doch was ich hier nicht durfte sagen, Soll dort ihr einst mein Mund gestehn.

An jenem Ort werd’ ich sie sprechen, Wo nie des Kummers Thräne fliesst, Wo Gegenliebe kein verbrechen, Und Zärtlichkeit kein Laster ist:

In Gottes lichterfüllter Halle, Am Quell des Guten seh’ ich sie. Steil ist der Weg; wir gehen ihn alle, Nur, Einer spät, der Andre früh.

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Illustration zu Ihr Bild

Interpretation

Das Gedicht "Ihr Bild" von Gabriele von Baumberg handelt von einem unglücklich verliebten Menschen, der von der Erinnerung an die Geliebte verfolgt wird. Die Sehnsucht nach ihr bestimmt sein gesamtes Denken und Fühlen, sodass ihm das Leben zur Plage wird und er sich sogar den Tod als Gewinn und das Grab als Glück wünscht. Der lyrische Ich versucht vergeblich, seinen Kummer durch Zerstreuung und Rückzug in die Natur zu lindern. Doch überall begegnet ihm das Bild der Geliebten - in der Morgenröte und Abenddämmerung, auf Blumenbeeten und Wiesen, in Rosen, Lilien, Nelken und Tulpen. Sogar in der heiligen Stätte kann er nicht zur Ruhe kommen, da die Erinnerung an sie seine Andacht stört. Am Ende des Gedichts hofft der lyrische Ich, dass er an einem Ort, wo nie Kummer herrscht und Zärtlichkeit kein Laster ist, seiner Geliebten alles wird sagen können, was er hier nicht durfte. Dieser Ort wird als Gottes "lichterfüllte Halle" und der "Quell des Guten" beschrieben. Es bleibt jedoch unklar, ob diese Hoffnung je in Erfüllung gehen wird.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Alliteration
Der Andre früh
Bildsprache
Der Andre früh
Enjambement
Steil ist der Weg; wir gehen ihn alle, / Nur, Einer spät, der Andre früh
Hyperbel
Der Eine spät, der Andre früh
Metapher
Der Eine spät, der Andre früh
Personifikation
Der Eine spät, der Andre früh