Ihr Auge

Wilhelm Hauff

1802

Ich weiß wo einen Bronnen Voll hellem Himmelstau, Es glänzt der Strahl der Sonnen Aus seines Spiegels Blau; Er ladet klar und helle Zu süßer Wonne ein, Es winkt aus seiner Quelle Der Sonne milder Schein.

Mir war als sollte drunten In seiner klaren Flut Das arme Herz gesunden Von seinem bangen Mut. Ich tauchte freudig nieder, Ins klare Blau hinab, Mein Herz das kam nicht wieder, Fand in dem Quell sein Grab.

Kennst du den süßen Bronnen, So klar und silberhell? Kennst du den Strahl der Sonnen Aus seinem blauen Quell? Das ist des Liebchens Auge, Ihr süßer Silberblick - Aus seiner Tiefe tauche Ich nie zum Licht zurück.

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Illustration zu Ihr Auge

Interpretation

Das Gedicht "Ihr Auge" von Wilhelm Hauff handelt von der tiefen und verzehrenden Liebe des lyrischen Ichs zu einer Frau, deren Augen es als Quelle der Sehnsucht und des Verderbens beschreibt. Die Augen der Geliebten werden als klarer, heller Brunnen dargestellt, in dem sich der Himmel und die Sonne spiegeln, was ihre Schönheit und Anziehungskraft symbolisiert. Das lyrische Ich fühlt sich magisch von diesem Brunnen angezogen und taucht hinein, in der Hoffnung, sein verletztes Herz zu heilen. Doch statt Heilung findet es den Tod, da sein Herz in den Tiefen des Brunnens begraben wird. Die Metapher des Auges als Brunnen wird im Laufe des Gedichts immer deutlicher, bis sie schließlich im letzten Vers explizit ausgesprochen wird. Die Augen der Geliebten sind für das lyrische Ich ein Ort der Verlockung und der Gefahr zugleich. Sie versprechen Trost und Glück, führen aber letztendlich zum Untergang. Das Herz des lyrischen Ichs, das in die Tiefen des Brunnens taucht, kehrt nicht mehr zurück, was die unwiderrufliche Natur seiner Liebe und seines Schicksals unterstreicht. Das Gedicht zeichnet ein Bild der Liebe als etwas, das sowohl erhebend als auch zerstörerisch sein kann. Die Augen der Geliebten sind ein Symbol für die Schönheit und die Gefahr der Liebe, die das lyrische Ich in ihren Bann zieht und letztendlich sein Herz gefangen nimmt. Die letzte Strophe verdeutlicht, dass das lyrische Ich sich bewusst ist, dass es aus dieser Liebe nicht mehr entkommen kann, und dass es sich freiwillig in den Tiefen der Augen der Geliebten gefangen hält, ohne jemals wieder ins Licht der Realität zurückzukehren.

Schlüsselwörter

bronnen strahl sonnen blau klar süßer herz quell

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Stilmittel

Alliteration
Voll hellem Himmelstau, Es glänzt der Strahl der Sonnen.
Bildsprache
Voller hellem Himmelstau, Es glänzt der Strahl der Sonnen, Aus seines Spiegels Blau.
Enjambement
Ich tauchte freudig nieder, / Ins klare Blau hinab, / Mein Herz das kam nicht wieder, / Fand in dem Quell sein Grab.
Metapher
Der Brunnen wird als Metapher für das Auge der Geliebten verwendet.
Personifikation
Der Brunnen 'ladet' und 'winkt' mit dem Strahl der Sonne.
Rhythmus
Der regelmäßige Rhythmus und das Reimschema verstärken die lyrische Qualität des Gedichts.
Symbolik
Der Brunnen symbolisiert die Augen der Geliebten, und das Wasser steht für die tiefe emotionale Wirkung.