Ideal und Wirklichkeit

Kurt Tucholsky

1890

In stiller Nacht und monogamen Betten denkst du dir aus, was dir am Leben fehlt. Die Nerven knistern. Wenn wir das doch hätten, was uns, weil es nicht da ist, leise quält. Du präparierst dir im Gedankengange das, was du willst - und nachher kriegst du’s nie… Man möchte immer eine große Lange, und dann bekommt man eine kleine Dicke - C’est la vie - !

Sie muss sich wie in einem Kugellager in ihren Hüften biegen, groß und blond. Ein Pfund zuwenig - und sie wäre mager, wer je in diesen Haaren sich gesonnt. Nachher erliegst du dem verfluchten Hange, der Eile und der Phantasie. Man möchte immer eine große Lange, und dann bekommt man eine kleine Dicke - Ssälawih - !

Man möchte eine helle Pfeife kaufen und kauft die dunkle - andere sind nicht da. Man möchte jeden Morgen dauerlaufen und tut es nicht. Beinah…beinah… Wir dachten unter kaiserlichem Zwange an eine Republik…und nun ist’s die! Man möchte immer eine große Lange, und dann bekommt man eine kleine Dicke - Ssälawih -!

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Illustration zu Ideal und Wirklichkeit

Interpretation

Das Gedicht "Ideal und Wirklichkeit" von Kurt Tucholsky beschäftigt sich mit der Diskrepanz zwischen menschlichen Wünschen und den tatsächlichen Gegebenheiten des Lebens. Tucholsky verdeutlicht, wie Menschen oft Ideale und Vorstellungen entwickeln, die in der Realität kaum oder gar nicht erfüllt werden können. Dieses Thema zieht sich wie ein roter Faden durch das gesamte Gedicht und wird anhand verschiedener Beispiele illustriert. Im ersten Teil des Gedichts beschreibt Tucholsky die nächtlichen Gedanken, in denen sich Menschen ausmalen, was ihnen im Leben fehlt. Diese Sehnsüchte werden als "große Lange" bezeichnet, die jedoch in der Realität oft nur als "kleine Dicke" erfüllt werden. Diese Metapher verdeutlicht die Enttäuschung, die eintritt, wenn die Realität nicht den hohen Erwartungen entspricht. Der Verweis auf "C'est la vie" unterstreicht die Resignation gegenüber dieser unvermeidlichen Diskrepanz. Im zweiten Teil des Gedichts wird das Thema anhand eines Beispiels aus dem Bereich der zwischenmenschlichen Beziehungen fortgeführt. Hier beschreibt Tucholsky die Vorstellung eines idealen Partners, der bestimmte körperliche Merkmale aufweisen soll. Doch auch in diesem Bereich führt die Realität oft zu Enttäuschungen, da die tatsächliche Person nicht den idealisierten Vorstellungen entspricht. Der Begriff "Ssälawih" am Ende dieses Abschnitts spielt auf das arabische Wort "salaam" an und deutet auf eine Art resignative Akzeptanz der Situation hin. Im letzten Teil des Gedichts erweitert Tucholsky das Thema auf alltägliche Entscheidungen und gesellschaftliche Veränderungen. Er beschreibt, wie Menschen oft Kompromisse eingehen müssen, sei es beim Kauf von Gegenständen oder bei der Umsetzung politischer Ideale. Auch hier wird deutlich, dass die Realität oft hinter den Wünschen und Vorstellungen zurückbleibt. Das Gedicht endet mit der wiederkehrenden Metapher der "großen Lange" und der "kleinen Dicken", die die allgegenwärtige Kluft zwischen Ideal und Wirklichkeit symbolisiert.

Schlüsselwörter

möchte große lange bekommt kleine dicke nachher ssälawih

Wortwolke

Wortwolke zu Ideal und Wirklichkeit

Stilmittel

Alliteration
Nachher erliegst du dem verfluchten Hange
Anspielung
Wir dachten unter kaiserlichem Zwange an eine Republik...und nun ist's die!
Hyperbel
Ein Pfund zuwenig - und sie wäre mager
Ironie
Man möchte immer eine große Lange, und dann bekommt man eine kleine Dicke
Kontrast
Sie muss sich wie in einem Kugellager in ihren Hüften biegen, groß und blond
Metapher
In stiller Nacht und monogamen Betten
Personifikation
Die Nerven knistern
Wiederholung
Man möchte immer eine große Lange, und dann bekommt man eine kleine Dicke