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Ich zog einmal ein liebes Kind

Von

Ich zog einmal ein liebes Kind
in meine Mannesarme.
Da ward es ganz von Liebe blind
und frei von allem Harme.
Doch als ich eine andre nahm,
hat es sie schwer getroffen.
Es standen ihr vor Leid und Gram
die beiden Augen offen.
Und ward sie vorher nur gewahr
in meinem Kuß der Reinheit,
jetzt ward ihr plötzlich offenbar
nur Sünde und Gemeinheit.
O Mensch, vertrau den Menschen nicht
in liebevoller Blindheit.
Das Unheil schlägt dir ins Gesicht
mit seltsamer Geschwindheit.
Die Freuden fallen insgesamt
dir in das trübste Wasser.
Und wie mein Mädchen mich verdammt,
wirst du zum Menschenhasser.

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Gedicht: Ich zog einmal ein liebes Kind von Erich Kurt Mühsam

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Ich zog einmal ein liebes Kind“ von Erich Mühsam thematisiert die zerstörerische Kraft der Liebe und des Verrats. Es beginnt mit einem scheinbar idyllischen Bild der Zuneigung, in dem der Erzähler ein geliebtes Kind in seinen Armen hält und Liebe und Geborgenheit verspricht. Diese Anfangsverse erzeugen eine Atmosphäre von Geborgenheit und Unschuld, die jedoch durch die folgenden Verse abrupt unterbrochen und ins Gegenteil verkehrt wird. Der Kontrast zwischen der anfänglichen Verliebtheit und dem anschließenden Leid bildet den Kern des Gedichts und verdeutlicht die Ambivalenz der menschlichen Gefühlswelt.

Der zweite Teil des Gedichts konzentriert sich auf die Reaktion des Kindes, nachdem der Erzähler eine andere Person erwählt hat. Die ehemals geliebte Person, nun durch den Verrat verletzt, wird von tiefem Leid heimgesucht, was sich in offenen Augen, Tränen und Gram manifestiert. Die frühere Unschuld und Reinheit, die einst in den Küssen des Erzählers gefunden wurde, wandelt sich plötzlich in Sünde und Gemeinheit. Diese radikale Veränderung im emotionalen Zustand des Kindes unterstreicht die Verwüstung, die durch Verrat und Enttäuschung in der Liebe angerichtet werden kann. Mühsam verwendet hier eine klare und einfache Sprache, um die Intensität der Gefühle zu verstärken.

Die Moral des Gedichts wird in den abschließenden Strophen deutlich formuliert. Der Autor warnt den Leser vor dem Vertrauen in die Liebe und die damit verbundene „blindheit“. Er weist darauf hin, dass Unheil und Leid oft unerwartet und schnell zuschlagen. Die anfängliche Freude und das Glück verwandeln sich in Tristesse, und die verletzte Person wird schließlich zum Menschenhasser, ein Zustand, der durch die traumatischen Erfahrungen der Liebe hervorgerufen wird. Mühsam betont die universelle Erfahrung von Enttäuschung und Schmerz, die mit menschlichen Beziehungen verbunden sein kann.

Durch die Verwendung einfacher Sprache und klarer Bilder gelingt es Mühsam, eine eindringliche Warnung vor den Gefahren der Liebe zu vermitteln. Das Gedicht entlarvt die Illusionen der Liebe und zeigt die möglichen zerstörerischen Folgen von Verrat. Es ist eine düstere Reflexion über die menschliche Natur und die Fragilität emotionaler Bindungen. Die Botschaft des Gedichts ist zeitlos und relevant, da sie die universelle Erfahrung von Liebe, Verlust und dem daraus resultierenden Schmerz anspricht.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.