Logo der Website, Schriftzug "Poesie Oase" mit Palmen umrandet.
, , ,

Ich wollt das Lied des Herzens nicht verschweigen

Von

Ich wollt das Lied des Herzens nicht verschweigen.
Ich wollt es jubelnd zu den Menschen schmettern,
die bleich am Baume der Erkenntnis klettern,
das Glück vermutend in den kahlen Zweigen.

Ich wollt sie rufen zu den breiten Küsten,
an die des Meeres Wellen silbern schlagen.
Ich wollt sie lehren leichte Schultern tragen
und freien Sinn in übermüt′gen Brüsten.

Ich stoß ins Horn. Noch einmal. – Doch ich staune:
die Menschen lachen, die ich wecken wollte,
als ob ein Mißton in die Lüfte rollte. –
Es muß ein Sandkorn sein in der Posaune.

Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Gedicht: Ich wollt das Lied des Herzens nicht verschweigen von Erich Kurt Mühsam

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Ich wollt das Lied des Herzens nicht verschweigen“ von Erich Mühsam ist eine Reflexion über die Schwierigkeit, die eigene Begeisterung und die Botschaft der Lebensfreude an andere weiterzugeben. Der Dichter, oder besser gesagt, das lyrische Ich, verspürt den Drang, sein „Lied des Herzens“ zu teilen und die Menschen aus ihrer Tristesse zu erwecken. Das Gedicht beginnt mit dem festen Vorsatz, seine Gefühle, seine Lebensfreude, nicht zu unterdrücken, sondern lautstark in die Welt zu tragen. Er möchte die Menschen erreichen, die sich, metaphorisch gesprochen, am „Baume der Erkenntnis“ abmühen, in der Hoffnung, Glück zu finden. Mühsam setzt hier ein Bild, das auf die Begrenztheit und die vermeintliche Sinnlosigkeit des intellektuellen Strebens hinweist, das sich von den unmittelbaren Freuden des Lebens entfernt hat.

Im zweiten Abschnitt des Gedichts konkretisiert sich der Wunsch nach Freiheit und unbeschwerter Freude. Das lyrische Ich träumt davon, die Menschen an die „breiten Küsten“ zu führen, ein Bild für Weite, Freiheit und die Schönheit der Natur. Er möchte ihnen beibringen, „leichte Schultern zu tragen“ und „freien Sinn in übermüt’gen Brüsten“ zu haben. Die Worte spiegeln einen Wunsch nach Unbeschwertheit und Lebensfreude wider, eine Abkehr von den Lasten und Sorgen des Alltags. Es ist eine Einladung zur Entdeckung der Schönheit und des Glücks, die im Leben vorhanden sind, wenn man sich nur von den Zwängen und Sorgen befreit.

Die Wendung des Gedichts kommt im dritten und letzten Abschnitt. Trotz des großen Einsatzes und der Begeisterung des lyrischen Ichs, bleiben die Reaktionen der Zuhörer aus. Statt Begeisterung und Dankbarkeit, begegnet ihm Lachen und Unverständnis. Die ursprüngliche Hoffnung auf eine gemeinsame Freude und das Erwachen wird durch die Ernüchterung konterkariert. Der Dichter ist überrascht und rätselt über die Ursache dieses Misserfolgs. Die letzte Zeile, „Es muss ein Sandkorn sein in der Posaune“, ist ein subtiler Ausdruck der Selbstzweifel und der Suche nach Erklärungen.

Mühsams Gedicht ist somit eine melancholische Betrachtung über die Unfähigkeit, die eigene Begeisterung und die Sehnsucht nach Freiheit an andere zu vermitteln. Es spiegelt die Erfahrung wider, dass die eigene Wahrheit nicht unbedingt von anderen geteilt oder verstanden wird. Die „Sandkorn“-Metapher deutet auf eine mögliche Ursache für das Scheitern hin, ohne die Schuld vollständig beim lyrischen Ich zu suchen. Es ist ein Ausdruck der menschlichen Erfahrung, dass die eigenen Bemühungen oft auf Widerstand oder Unverständnis stoßen. Das Gedicht verdeutlicht die Einsamkeit des Dichters und die Schwierigkeit, die Kluft zwischen den eigenen Gefühlen und der Realität der anderen zu überwinden.

Weitere Informationen

Hier finden sich noch weitere Informationen zu diesem Gedicht und der Seite.

Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.