Ich wohnte unter vielen vielen Leuten...

Clemens Brentano

1778

Ich wohnte unter vielen vielen Leuten Und sah sie alle tot und stille stehn, Sie sprachen viel von hohen Lebensfreuden Und liebten, sich im kleinsten Kreis zu drehn; So war mein Kommen schon ein ewig Scheiden Und jeden hab ich einmal nur gesehn, Denn nimmer hielt mich′s, flüchtiges Geschicke Trieb wild mich fort, sehnt ich mich gleich zurücke.

Und manchem habe ich die Hand gedrücket, Der freundlich meinem Schritt entgegensah, Hab in mir selbst die Kränze all gepflücket, Denn keine Blume war, kein Frühling da, Und hab im Flug die Unschuld mit geschmücket, War sie verlassen meinem Wege nah; Doch ewig ewig trieb mich′s schnell zu eilen, Konnt niemals nicht des Werkes Freude teilen.

Rund um mich war die Landschaft wild und öde, Kein Morgenrot, kein goldner Abendschein, Kein kühler Wind durch dunkle Wipfel wehte, Es grüßte mich kein Sänger in dem Hain; Auch aus dem Tal schallt keines Hirten Flöte, Die Welt schien mir in sich erstarrt zu sein. Ich hörte in des Stromes wildem Brausen Des eignen Fluges kühne Flügel sausen.

Nur in mir selbst die Tiefe zu ergründen, Senkt ich ins Herz mit Allgewalt den Blick; Doch nimmer konnt es eigne Ruhe finden, Kehrt trübe in die Außenwelt zurück, Es sah wie Traum das Leben unten schwinden, Las in den Sternen ewiges Geschick, Und rings um mich ganz kalte Stimmen sprachen: »Das Herz, es will vor Wonne schier verzagen.«

Ich sah sie nicht die großen Süßigkeiten, Vom Überfluß der Welt und ihrer Wahl Mußt ich hinweg mit schnellem Fittich gleiten. Hinabgedrückt von unerkannter Qual, Konnt nimmer ich den wahren Punkt erbeuten Und zählte stumm der Flügelschläge Zahl, Von ewigen unfühlbar mächtgen Wogen In weite weite Ferne hingezogen.

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Interpretation

Das Gedicht "Ich wohnte unter vielen vielen Leuten" von Clemens Brentano beschreibt ein Gefühl der Isolation und Einsamkeit inmitten einer Menge von Menschen. Der Sprecher fühlt sich wie ein Fremder, der ständig unterwegs ist und keine tiefen Bindungen eingehen kann. Die Menschen um ihn herum sind ihm fremd und er sieht sie nur einmal und dann nie wieder. Der Sprecher versucht, in sich selbst Tiefe und Ruhe zu finden, aber auch das gelingt ihm nicht. Er fühlt sich von einer unerkannten Qual getrieben und kann die Freude am Leben nicht teilen. Die Landschaft um ihn herum ist wild und öde, es gibt keine Anzeichen von Leben oder Schönheit. Der Sprecher hört nur das Rauschen seines eigenen Fluges und die kalten Stimmen, die ihm sagen, dass sein Herz vor Wonne verzagen will. Das Gedicht endet mit dem Bild des Sprechers, der von unsichtbaren Wellen in die Ferne gezogen wird. Er zählt die Schläge seiner Flügel und versucht, den wahren Punkt zu erreichen, aber es gelingt ihm nie. Das Gedicht vermittelt ein Gefühl von Sehnsucht und Verzweiflung, das durch die Isolation und Einsamkeit des Sprechers entsteht.

Schlüsselwörter

kein sah ewig hab nimmer konnt vielen sprachen

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Stilmittel

Alliteration
sah sie alle tot und stille stehn
Anapher
Und hab in Flug die Unschuld mit geschmücket
Bildsprache
Rund um mich war die Landschaft wild und öde
Hyperbel
Ich wohnte unter vielen vielen Leuten
Kontrast
Sie sprachen viel von hohen Lebensfreuden / Und liebten, sich im kleinsten Kreis zu drehn
Metapher
Das Herz, es will vor Wonne schier verzagen
Personifikation
Die Welt schien mir in sich erstarrt zu sein
Symbolik
Kein Morgenrot, kein goldner Abendschein
Vergleich
sah wie Traum das Leben unten schwinden